Am Ufer
Der Regen is net stark, aber er bleckt so zäh vom Himmel, wia a grantiger Hund, der nimma heim will. Sieben Grad, sagt der Wetterfrosch, siebeneinhalb, wenn man gnädig is – i sog, z’kalt für so a Sauerei. Trotzdem steh i da, an der Ilz unten, die Tropfen patschen aufs Wasser, und dort, unter dem dünnen Eisstreifen, glimmt’s wieder. Das rote Licht. Ruhiger heit, net so wie letzt’s Mal, wo’s g’flackert hat wia a Irrer.
„I glab, du machst di über mi lustig“, murmel i, mehr zum Fluss als zu mir. Und des Wasser? Antwortet. Ganz leicht, so a Brummen, tief drin. A Echo vielleicht, vom Steg oder von dem Pumpenhäusl drüben. I beug mi runter, seh mein eigenes Gsicht zwischen Tropfen und Schimmer. Und – Oida! – für a Sekunde is net i, sondern Anna, die i da unten schau. Rückwärts wie der Film, aber ihr Blick … der schaut nach oben, direkt zu mir.
Da regt sich was links, a Umriss am Steg. Der rote Schalmann. Na, net so deutlich wia sonst. Eher a Schatten, der die Farbe noch weiß. Daneben, wieder, die Frau. Aba diesmal – schreit sie. Kein Laut, nur die Bewegung vom Mund. Gleichmäßig. ‚Zu‘ – les i. Nur das Wort. Dann reißt da Wind a Ast vom Hang. I schreck z’samm. Wenn ma sech net konzentriert, glaubst, die Stadt redt mit dir.
Die Stunde der Enten
Unten, bei der Brücke, schnattern a paar Enten. Die schrecken ned so leicht, ned mal vom Blitzlicht der Laternen, die da wie verwaschene Augen glühn. I denk kurz, wia oft i früher hier g’standen bin. Damals mit Anna, bevor alles so verdreht wor. Da hat der Fluss bloß gegluckst, warm und dumpf, und i hab’ g’meint, des Reden hört halt keiner. Jetzt redt er dafür zuviel.
I geh langsam entlang am Ufer, der Kies rutscht unterm Schuh, die Taschen g’füllt mit naßkalter Luft. Wenn i still bleib und lausch, hör i unterhalb vom Eis ein rhythmisches Klopfen, wie ein Herz, aber mechanisch. I richte mi auf, spür de Gänsehaut. Vielleicht is’n nur a Rohr, des schlägt, oder irgend a Tier. Mei Hirn sagt: nix Mystisches, bloß Druck und Temperatur. Aba mei Bauch? Der glaubt was anders.
I hol tief Luft, und im gleichen Moment bricht ein Stück Eis ab, sinkt, und für an Augenblick scheint es, als würd das rote Licht sich teilen – in zwei Adern, die sich durchs Wasser schlängeln. Die linke zieht Richtung Wehr. Die rechte – direkt auf mi zu. I spring z’rück, rutsch, fang mi grad noch an der Böschung.
„Oiso, Kramer“, sag i leise, „heut schaugst z’viel, redst z’wenig.“
I dreh mich um, geh langsam zum Pfad rauf, doch das Licht bleibt, wie a Auge, das mir nachsieht.
Im Gasslbräu
Feierabendzeit, aber wos is no feierlich heit? Der Boden rutschig, die Leut grantig, und hint im Eck flackert des alte Neonlicht. Resi hockt am Tresen, Toni wischt wia besessen über’s Holz.
„Na, Kramer, schon wieda durchnässt?“ grinst sie. I klopf mi, stell den Hut aufn Hocker neben mir. „Warst unten?“ – „Ja. Und i glaub, des Ding unter’m Eis lebt fei.“ Sie runzelt die Stirn, holt an Schnaps.
„Der Alte war da, der Pförtner“, sagt sie plötzlich, leise. „Hat a Umschlag dagelassen. Hat g’sagt, du sollst ihn nur aufmachen, wenn’s redt.“
„Wenn was redt?“ „Hat er net g’sagt. Nur: Sie wird’s wissen.“
Mei. Das is so a Spruch, den kannst gleich hinterm Ofen lassen. Aber Resi schaut ernst. I nehm den Umschlag, schwer, feucht von ihrer Hand. Drauf steht – ’36A, zweiter Schnitt‘. I schau sie an, sie zuckt nur. „Fei, i moch in so Sachen nimma mit.“
Der Pförtner und der Rauch
Im Eck huift der Toni den Ofen auf, und die Glut schlägt kurz blau auf, als hätt einer Spiritus draufg’leert. I denk an den Alten, den Pförtner der städtischen Lichtspiele. A Mann, der nie ganz da war, irgendwie immer zwischen Filmrolle und Fiebertraum. Hab ihn oft g’sehn, wie er vorm roten Vorhang stand, vor Jahrzehnten schon.
„Resi“, frag i nach an Schluck, „war er nervös?“
„Ned, Kramer. Aber anders. Wie wenn er g’wißt hätt, du kummst glei hinterher.“
I grins, aber nur halb. „Vielleicht wollt er bloß sei Schuld loswerdn.“
„Oder sei letzter Film.“ Sie schieb mir a zweite Stamperl hin.
Draußen, hinterm Fenster, pressen sich Tropfen geg’s Glas, und i merk, des Klopfen is im selben Takt wie unten am Fluss. I spür, wia der Schnaps wärmt, aber nur äußerlich. Innen is der Frost.
Im Radio dudelt leise an Bericht über Wassermessungen an der Ilz – steigende Trübung, Fehlfarben im Eis. I hör zu, als käm die Meldung direkt aus meiner Nase. Toni lacht, ruft was in die Küche. Alltag von außen, Irrsinn von innen. Genau meine Kombination.
Bevor i geh, legt mir Resi die Hand auf’n Ärmel. „Kramer, pass auf di auf. Die Ilz hat scho Schlimmer’s verschluckt.“
„Ja, i weiß.“ Sag i. Und lüge.
Dahoam im Dunkeln
Zuhause tropft’s vom Mantel auf die Fliesen, leise Musik aus’m Radio, irgend a alte Polka, verrauscht. I leg den Umschlag aufs Fensterbrett, zünd a Kerze an. Draußen, der Regen wie Fäden in der Luft. Mei Bude riecht nach Holz, Film, altem Papier – gemütlich is anders.
I mach den Umschlag auf. Drin: a Negativ. Nur eins. I halt’s gegen die Kerze – erkennt man kaum was, a Schatten, a Tür maybe. Und rechts oben a heller Punkt. Des rote Licht.
I steig runter in’n Keller, weil i eh scho weiss, wos kommt. Der Schlüssel liegt noch im Schloss, 36A – und jetzt klickt’s. Ganz leise, eigenständig. Tür geht auf. Innen is dunkel, aber i hör was: Tropfen, dann plötzlich – Stimme. Metallisch, wia a Aufnahme, verkratzt.
„Er … kommt.“ Gesprochen, nicht g’sungen, net menschlich. Danach – Stille. Bloß des klamme Tropfen über’m Kopf. I geh näher. Der Spiegel im Eck, der schimmert, aber diesmal net silbern. Eher bleich. I heb die Hand, berühr die Glasfläch’n. Warm. Und da seh i ihn. Leitner. Ganz klar, als steh er im Zimmer hinter mir. Nur … sein Gesicht schneidet aus’m Bild. Schwarz.
Die Erinnerung aus Zelluloid
I rühr mi net. Bloß atmen. I war nie g‘scheit mit Geistern, aber des is koine alte Mär – des is Technik, des is Bild. Bloß dass d’Bild zurückschaun. I denk an unsre Treffen vor zwanzg Jahr im Kino, als Leitner immer vom „zweiten Schnitt“ g‘redt hat, der wahre Film, den’s niemand anschaut. Kann des alles bloß a Referenz sei, sein letzter Spinnertraum?
„Leitner?“ flüster i, wia Depp. Nix. Nur a ganz leises Surren, als hätt sich irgendwo a Motor aufgenommen. I geh um den Spiegel rum, find a uralt Kabel, das in a Eisenkasten führt. Der Deckel locker. Innen eine Filmspule, halb geschmolzen, halb trocken. Jemand hat drauf mit Kreide g’schrieben: Zweite Schnittfassung.
I hol sie vorsichtig raus, wickel ein Stück auf. Da pickt Dreck, Staub, vielleicht Schimmel. Aber mitten drin erkennt man kurz was Bewegtes – Figuren, Licht und Schatten. Und für an Moment stell i mir vor, wie Leitner unterm Dom steht, damals, wie er’s mir erklärte: „Kramer, jeder Film hat a zweites Gesicht, das sich nur unter Wasser zeigt.“
I lach, leise, bitter. „Na freilich, alter Spinner.“ Nur diesmal spart mei Lachen a Fluchtversuch.
I stell die Spule auf’n Tisch, kerzengerade. Dann hör i’s wieder, aus’m Kellergrund, dumpf und zäh – ein Tropfen, der net mehr nass klingt, sondern metallisch. Wia a Uhrwerk, das Blut tickt. I geh langsam Stuf’n aufwärts, bis i wieder in der Wohnung bin. Dort riecht’s nach heißem Wachs, und an der Wand tanzt des flimmernde Licht, als würd’s projiziert.
Auf der Tapet’n erscheint kurz Anna. Ganz sicher. Ihr Schatten, ihre Haltung. Mit ihrer linken Hand zeichnet’s a Kreis in die Luft. Langsam, gleichmäßig – Schnitt zwei, dacht i mir.
I steig zurück ans Fenster, weil i Luft brauch. Aber draußen is der Regen scho nimma bloß Regen. Er fällt schräg, fast gezielt, wia Linien auf Papier, jede Linie a Spur, die g’zeigt werden will. I schau noch g’nauer: da, auf’m Asphalt, ordnen sich die Tropfen zu Buchstaben. Zögerlich, aber doch. „Zu“ steht da. Wieder des Wort. I druck die Stirn an die Scheib’n, spür die Kält’n. Und a Tropfen rinnt innen runter, net außen.
„Verdammt nochamal, Kramer“, flüster i. „Jetzt schreibst d’Welt selbst mit.“
Der Regen hört net auf
Wieder oben, am Fenster, der Himmel hängt tief, der Dom verschluckt von der Suppe. Die Tropfen tanzen an der Scheib’n, wia Morsezeichen, drei–zwo, drei–zwo …
I ruf in die Stille: „Was willst, du Hund!“ Aber nix kommt. Nur ein dumpfer Nachhall, vielleicht vom Keller. Und dann … schlagartig, alles still. Nur die Kerze flackert, und in ihrer Glut glitzert was auf’m Tisch: die Spirale vom Filmstreifen, die vorher net do war. Und mitten drauf – eingraviert, kaum lesbar – ‚Schnitt 2 beginnt‘.
Mei Puls, Oida …
I greif danach, halt das dünne Zelluloid gegen’s Licht. Im Negativ taucht was auf – der Steg, der rote Schalmann und … i. Wieder i. Bloß diesmal, i bin der, der den Schlüssel ins Schloss steckt.
Und draußen blitzt kurz, als hätt wer a Taschenlampe unter’m Eis aufgedreht.
I denk: Wenn’s Wasser redt, dann dürft i endlich zua hören anfangen … aber zua spät.
Denn vo unten rattert was Metallisches – wia a alter Projektor, der zum Leben kommt.
Nachblende
Des Rattern zieht sich durch den Boden, kriecht mir in die Fußsohlen. A Klang, der schneidet. I kenn ihn, von früher, vom Vorführraum im alten Kino. Wie a Herzschlag vom Zelluloid. I schnapp mir d’Kerze, geh zur Kellertür. Noch bevor i den Griff berühr, schnappt innen das Licht an, ganz von allein – flackert, schiebt Schatten über die Wand. Dann a Stimme, diesmal deutlich: „Zweite Schnittfassung. Laufzeit: unendlich.“
I taumel z’ruck, fall in den Türrahmen. Über mir tropft’s wida. Auf dem Boden bildet sich ein kleiner Kreis aus Wasser, in dessen Mitte das rote Schimmern vibriert. I hör mein Blut rauschen, oder is es schon die Maschine?
Kurz denk i an Resi und an ihr „pass auf“. Und an Anna, die im Film inzwischen längst weiterredt, im Takt zum Regen. I schau in das Licht. I hör den Film anlaufen.
Und i merk, mit jedem Bild, des jetzt flackert, wird’s außen leiser, als würd die Nacht selbst den Atem anhalten.
Dann kommt mein Gesicht im Bild. Wieder. Doch diesmal – lacht es. Und i steh da, frag mich, wer von uns zua spät kapiert hat, wos des wirklich heißt: Schnitt zwei beginnt.
Der Fluss rauscht. Ein letztes dumpfes Klacken.
Dann nix mehr. Nur Stille, die sich langsam mit Wasser füllt.
Bissl grantig, a bisserl sexy – deine Wochenration onlyLeberkas direkt ins Postfach.