Des Licht unterm Wasser

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Am Steg

Der Wind war heit nix als ein laues Lackerl – fünf Kilometer die Stund, sagten’s im Radio. Trotzdem stand i da, mit Gänsehaut bis zu den Zehen. Der Inn war glatt wie Blech, kein Nebel, gar nix. Nur dieses klare, fei unnatürliche Licht, das vom Grund herauf schimmerte, als würd unter mir jemand mit ‘nem alten Projektor spielen. I sog da, Passau schaut so aus, als wär nix los – aber in dem glatten Wasser brodelt’s, oida, wia im Kopf von an alten G’scheitmeier kurz vorm Durchdrehn.

Neben mir stand der alte Fischer, der, der immer a Pfeiferl im Mund hat. Er sog nix, nur g’schaut in des Licht, und dann: „Des sucht di, Kramer.“
„Wos sucht mi? Des Licht?“
Er nickt, spuckt ins Wasser. „Oder wos drunter is.“
Und dann is er gangen, einfach so. Ohne sich umz’drehn.

I bin no a Weile g’blieben – bis i’s Pulsieren g’spürt hab in der Brust, im gleichen Takt, gell, wie unterm Eis. Da bin i z’Haus.

Zwischen dem Flimmern

Aber bevor i wirklich los bin, is da was g’schehn. Da Wind hat a bisschen z’legt, die Oberfläche is ganz ruhig worn, und dann hob i’s erst richtig g’sehn: kleine Wellenlinien, kreisförmig, ganz fein, als tät jemand mit’m Finger durchs Wasser ziehn. I hab mi hockt und g’starrt, bis sich des Muster wieder aufg’löst hat. Da Fischer war scho weit, sein Hut nur no a dunkler Punkt. I hätt ihm nachrufen sollen, aber mei, i kenn mich: lieber erst schaugn, dann reden.

Mir is dann des Gesicht von der Anna eig’fallen – wie’s damals beim großen Hochwasser auf’m Steg g’standn is, reinschaut hat, so still, und gsagt: „Wenn’s Licht wiederkommt, dann pass auf.“ Des war Jahre her, aba i hab’s gehört wie gestern. Damals dacht i, sie spinnt a wengerl wegen der ganzen Geschichten vom Leitner und seiner Kellerei. Jetzt, oida, tät i ihr glaubn.

I hab dann den Blick vom Wasser gerissen, Richtung Altstadt. Alles ruhig, bloß des ferne Läuten von sieben. Und trotzdem – irgendwo tief drin ghabt i das Gefühl, dass mir jemand von unt’n raus anschaun würd. Ganz ruhig, geduldig, wie a alter Bekannter, der nur wart, bis i endlich hinschau.

I bin gangen, aber mit jedem Schritt woaß i mehr: des Licht da untn, des wird nimma von alloa verschwinden.

Dahoam im Keller

Da Keller war kühl, riecht nach Eisen und Staub. Das Schloss 36B glänzt no, immer wenn i mit’m Finger drüber streich. Beim letzten Mal war da Schlüssel heiß. Heit? Eisig. I hab ihn ums Verrecken net reinbringen wolln. Drüber war ein Schmauch, a schwarzer Ring, wie verbrannt.

Da Projektor stand noch auf’m Tisch, stumm, aber i hörte’s Summen. Ned außen – im Kopf. Und dann kam’s: ein leises Kratzen an der Tür von Raum vier. Als würd wer auf der andern Seit mit’m Nagel ritzen: ein Kreis, dann a Kreuz.
„Anna?“, hab i g’fragt. Ehrlich g’sagt, i bin mir vorgekommen wia a Depp.
Doch dann… – des rote Licht, im Spiegelschirm hinten, zuckte kurz, fei nur a Sekund, aber es sprach wirklich. So metallisch, schneidend: „Er schaut.“

Jetzt war’s anders. Net „Er kommt“. Sondern „Er schaut“. Und des is fast schlimmer, find i.

Geräusch hinter der Mauer

I bin dagegeng’lehnt, g’hört hab i wieder dieses Kratzen, aber hinter da Mauer hat’s sich anders o’ghört – tiefer, fast wia Atemzüge. I hab a Taschenlampe g’holt, die, wo eh nimma richtig geht. Der Lichtkegel flackert, trifft auf des alte Schild: „Raum 4 – Archiv Leitner“. Unter dem Schriftzug: ein Rußabdruck, wie von einer Hand. I spür, wie mir kalt wird, so richtig von innen.

„Er schaut“, hat da Klang g’sagt – aber vielleicht is’s net bloß Schauen. Vielleicht will er, dass i zruckschau. I hab dann auf’m Boden was gfundn: ein kleines Stück Metall, verbogen, fast wie Linsefassung. I schieb es in die Hosentasch, denk mir: vielleicht passt’s zu’m Schloss. Aber i merk, dass meine Hand zittert wie a Schwammerlsammler im Herbstnebel.

Dann is mir aufgfallen, dass des Summen lauter worn is. Ned mehr bloß im Schädel, sondern wirklich – der Projektor, obwohl er ausg’steckt war, hat leicht vibriert. I hab a Wort gehört, aber ganz leise, verstreut: „unten… oben… gleich…“ Und i hab plötzlich an den Fluss denken müssen. Vielleicht war da Keller gar net so weit weg vom Wasser, wie i immer glaubt hab.

Im Gasslbräu

Am nächsten Abend bin i runter ins Gasslbräu. Die Kneipe war fast leer, nur der Toni und d’Resi hinterm Tresen. Draußen über’m Fluss hing a lauer Schleier; in der Luft lag dieser Geruch nach warmem Holz und Bier. Passau in Sommernacht, friedlich zum Greinen.

„Hast wieder g’schaut, Kramer?“, fragt d’Resi, stellt mir a Halbe hin.
„Bissl zu viel vielleicht.“
Sie schaut, oida, ernst wia selten. „Da Pförtner war da. Hat was dag’lassen.“

I hab den Umschlag net sofort aufgmacht. Auf der Rückseit – Handgeschrieben: 36B ist nicht Schlüssel – ist Linse.
A Linse? Mei, i dacht erst an Kamera. Aber da Toni, der tuat so geheimniskramerisch: „Vielleicht a Filmobjektiv. Leitner hot doch damals…“
Er bricht ab. Weil grad der Wind durchs Gitterfenster zieht und die Lampenflamme flackert.
I hab den Umschlag eing’steckt. A Wirtshaus is nix für Offenbarungen.

Der Toni redt

a wengerl mehr
Beim Rausgehen hob i den Toni am Arm g’fasst: „Was wolltest sagen? Leitner hot was?“
Er schaut mi an, schiebt die Schiebermütze z’ruck. „Du, des G’schichtl kennt eh jeder. Aber net jeder red drüber. Leitner hot in den 50ern Experimente mit Projektionen g’macht – net für’n Film, sondern für Übergänge. A so wia Fenster, hat er gsagt.“
„Fenster wohin?“
„Na, Kramer – wo glaubst? Dorthin, wo’s zruckschaut.“ Dann hebt er die Schultern, greift zum Glas wie zur Beichte.

I hab nix mehr g’sagt, nur g’nickt. Draußen vor’m Brauhaus war die Luft immer no warm, aber a Brise vom Wasser her hat so seltsam metallisch g’schmeckt. I hab gschworen, i hör auf mit dem Zeug. Aber innerlich woaß i, des is a Lüge. Zu nah, zu lebendig.

Unterm Laternenlicht hab i den Umschlag in der Hosentasch g’drückt und gspürt, dass des Glas darin pulsiert, als hätt’s a eignen Herzschlag.

Spuren im Glas

Dahoam – die Nacht war mild, Fenster offen, nix bewegte sich draußen. Nur des ferne Läuten vom Dom. I leg des Negativ vom letzten Mal aufs Lichtpult, daneben die „Linse“, die i im Umschlag fand. A rundes, vernarbtes Glasstück, leicht gewölbt. I halt’s drüber – und, oida, auf jedem einzelnen Negativ taucht plötzlich dieselbe Form auf: a Tür, a Licht dahinter, und a Schattenfigur, undeutlich, aber menschlich. Wie a Gestalt mitten im Sprung.

Da Filmstreifen vom letzten Mal – der mit mir vorm Spiegel – liegt no daneben. Und i seh, dass des Muster in der Tür exakt dasselbe is. Ein Übergang. Zwara Bilder, dieselbe Schwelle.

Dann klopft’s am Hausflur. Ganz leise. I geh nauf, niemand da. Nur a Schimmer, rot, am Schlüssel 36B. I heb ihn, dreh ihn in der Hand – und durch des Glas seh i plötzlich net mehr die Kellertür, sondern den Fluss. Das Licht drunter pulsiert – stärker, direkter. Als schaut’s echt retour.

„Linse, net Schlüssel“, murmel i. Und zum ersten Mal wird mir klar, dass der Keller vielleicht gar kein Ort is… sondern a Blickrichtung.

Projektion auf der Wand

I hab dann den Projektor wieda hingrichtungt, die Linse vorn ei’gsetzt. Bloß so zum Testen. Aber wia i den Lichtschalter umleg, flimmert an der Kellermauer plötzlich a Bild – unscharf, beweglich. An Anfang dacht i, des is bloß Restlicht, aber dann gseh i: des Wasser, der Steg, der Fischer. Alles genauso wia gestern, nur… anders. Kein Wind, keine Bewegung, jeder Tropfen steht still.
Da Fischer dreht den Kopf, schaut grad aus dem Licht heraus – auf mi zua. Und dann hebt er die Hand, zeigt nach unten. Ich schwör, i hab’s gsehen. Ein Zeigefinger gegen den Boden vom Keller. „Unter dir“, haucht da Ton, kaum hörbar.

Des Bild verflimmert, geht aus. Aber an Boden bleibt a dunkler Fleck, rund, feucht. I knie mi hin – und da is Wosser. Echt. Salzig, metallisch, schmeckt wia Innwasser nach Sturm. Des Haus steht aber weit weg vom Fluss. Da is nix, was durchsickern könnt. I steh auf, will an Lappen holn, und der Fleck – verschwindet. Spurlos, bloß a Geruch bleibt. Wia Eisen und Fotoentwickler.

Daweil draußen des Läuten verstummt, und i denk mir nur: Pass auf, Kramer, ab hier is jed’s Schauen a Schritt z’viel.

Da Blick retour

Im Spiegel im Keller is auf einmal nemma i, sondern Leitner. Aber net schwarz im G’sicht wia beim letzten Mal – jetzt durchsichtig, transparent. Er hebt die Hand, winkt langsam. Und i merk, dass hinterm Spiegel – oder vielleicht durch ihn – die Frau mit’m roten Schal steht. Anna. Oder Anna K., i woaß nimma. Hinter ihr flackert’s Licht wieder. So hell, dass i fast rückwärts taumel.
Sie schaut mir direkt in d’Augn. Und ihre Lippen formen wortlos: „Mach fertig.“

Dann ein Schlag, a dumpfer Ton, als wenn innen was zerreißt. Spiegel springt, aber nur a einziger Riss, diagonal, wie a Schnitt durch a Filmrolle.

I steh da, mit’m Glasstück in der Hand, und draußen – am Fluss – hebt sich der Lichtkegel langsam an die Oberfläche.

Die Nachtschicht

Später, vllt zwei Stund drauf, sitz i no immer, die Linse zwischen de Fingern, der Riss im Spiegel wie a Narbe. I hätts gern ignoriert, aber durchs Flimmern in der Spiegelwand hat i was gsehn: a Bewegung. Als säh i den Fluss von innen. Langsame, silbrige Strömung, und mitten drin schwebt was, fast menschlich.

„Anna? Bist du des?“ hab i gflüstert, und ausm Spiegel is wia ein Atem gehaucht – feucht, lauwarm, ganz nah. „Finish the gate“, sacht a Stimme, englisch auf einmal. Des hat mi erschrocken, weil Leitner war a Bayer, und Anna red’ bestimmt so net. Mei, i hock da, versuch nachzudenken, und mein Hirn summt wia der Projektor bei Überhitzung. i pack die Linse weg, doch sie wärmt sich in der Hand, fast verbrannt.

Dann fallt mir ein Satz aus’m Notizbuch vom Leitner ein, den i mal in Bibliothek gsehn hab: „Jeder Blick öffnet den Rückraum, doch d’Dauer bestimmt der Wille.“ Vielleicht will des Ding, dass i länger hinschau. Vielleicht is des Licht draußen a Einladung. Aber wofür? Ein Schritt zu weit, und i steh nimmer im Keller, sondern irgendwo zwischen Projektion und Wasser.

Vor’m Schlafen bin i no an Steg gangen – in der Hoffnung, i gfrei mi nimmer so. Aber des Licht war stärker. Es zuckt jetz pulsartig, fast rhythmisch wia a Herz. Und i hab schwören können, dass a Stimme meine nennt: „Kramer… schau.“

Hook

Er hebt sich glei ganz. Und i seh – im hellen Kegel – a Gestalt aus Licht, kniehoch im Wasser. Ein Schatten, der auf mich zielt…
Fei, des wird nimma gut enden, i spür’s. Oder vielleicht fangt’s genau jetzt erst o…

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