Am Ufer
Der Wind geht quer über’n Inn, macht so a gschwollne Fläche, wia a Herz, des schief in d’Luft pumpt. Sieben Grad ungefähr, aber es zieht fei härter. I steh da mit de Händ in de Manteltaschen, schau rüber, wo gestern die Gestalt gstandn hat. Nix is. Nur des graue Wasser, das manchmal z’viel weiß zeigt – Schaum, aber a bittl zu rhythmisch. Drei–zwo. Wieder.
Hinter mir raschelt’s – a Plastiksackerl, oder wos Größers? „Du muasst net schreia“, sogt da Fischer, der scho wieda plötzlich da is. Immer des G’schleich. „Er is it weg, Kramer. Er taucht bloß, verstehst?“ I sag nix. Nur, dass des Wetter ausschaut, als tät’s auf reisn gehen, der Himmel staubgrau, Wind zerrt mir d’Haar. „Wohin taucht er?“ — „Dahin, wo’s Licht herkommt.“ Na prima.
Er schaut mi aa, so durch, dass ma kalt wird unterm Hemd. „Er hat mi g’sehn, des Licht.“ — „Du host wieda g’soffn, ha?“ — Da grinst bloß, net freundlich. „Na, heit nicht. Heit is’s wach.“ – Dann geht er am Ufer entlang, sein Pfeiferl singt, ganz dünn übers Wasser.
I schau ihm noch nach, wie er hinter’m Brückengeländer verschwindet. Ganz kurz, bevor er in’d Nebelschicht eintaucht, blitzt des Pfeiferl auf – a metallisch hell’s Ding, fast wie a Spiegelbruchstück. Und i denk mir: Vielleicht samma alle nur Brocken von irgendwas Größerem, des scho viel länger glänzt, als ma auf’d Welt san.
I bleib da, die Finger erstarrt in der Manteltasch. Im Wasser kräuselt sich was. Als würd wer mit’m Finger am Grund kritzeln. Kreise, dann Linien, dann a kurzer Aufblitz. I bück mi leicht, sehg an Stein, der raussteht. Darauf a Muster, drei Punkte – zwo – null. Nix, was ma deuten könnt, aber mein Herz schlagt im selben Rhythmus. Und irgendwie is’s, als würd der Inn ahmen, was i fühl.
Im Wind
A Windstoß zieht mir da Hut vom Kopf, und i renn ihm hinterher. Des Ding rollt übers Ufergras, platscht in a Pfütze und bleibt liegen, grad so, dass mi mein eigner Schatten streift – verzogen, lang, fast spitz zulaufend wie a Fingerzeig nach drüben. Und drüben, jenseits vom Wasser, wackelt was, a Lichtreflex, oder vielleicht bloß an Vogel, der zu tief fliegt. I kann’s net genau sagen.
„Kramer!“, hallt’s plötzlich hinter mir – des Pförtner sei Stimme? Aber da is koaner. Nur des ferne Rauschn vom Fluss, des a eigenartige Sprache redt. I glaub fast, der Wind probiert Silben aus. Drei – zwo – still.
In der Kuchl
Dahoam dampft der Tee, obwohl, ehrlich, i brauch eher an Schnaps. Nebel hängt draußen, aber durchs Fenster spür i, dass sich was dreht im Fluss. I leg Linse 36B aufs Fensterbrettl, die Kanten a bissl verkratzt. Durchs Glas sieht ma nix Außergewöhnlichs. Bis i mit’m Finger leicht dagegen klopf. Zack – das rote Licht, als würd sich a Auge öffnen im Wasser. Pulsierend. Drei–zwo.
„Mach fertig“, flüstert’s. Ganz leise diesmal, wia a Echo durch a Blechrohr. Anna? Mei, i red scho wieder mit a Linse. Trotzdem: die Stimm hat was Mechanisches. Metall und Herz zugleich.
Im Moment schwör i, die Tapete oberhalb vom Heizkörper bebt leicht. Net g’spenstisch, eher elektrisch. So a Summen durch den Boden. Und in der Küchenuhr, der Sekundenzeiger – er springt nimmer korrekt. Sondern drei … zwo … nix. Still.
Dann fällt mir ei, dass unterm Spülbecken no der Karton mit de alten Foto-Gläser steht. I beug mi runter, greif nach’m Deckel, und find dazwischen a kleine Notiz, ziemlich vergilbt: „Wenn’s Flimmern dreht, schau in’s Gegenlicht.“ Handschriftlich, Anna wieder. Sie hat gern kryptisch g’schrieben, so dass ma immer meint, man wär zu dumm für’s Rätsel. Dabei war sie bloß a halbs Romantikerin, halbs Wissenschaftlerin. Vielleicht hat ihr des die Ruhe g’schmissen.
I hol mir a Schluck kalten Tee, schau durchs Glas – da ist’s wieder, das Licht, und diesmal taucht am Rand kurz an Schatten auf. Eine Bewegung, fast menschlich. I ritz a Fingerknöchel, bloß um z’spiern, ob i no da bin. Der Schmerz is echt, also muss des andere zumindest halb echt sei.
„Anna, wennst des bist…“, murmel i, aber des Summen wird grad lauter, greift nach meiner Stimme und verschluckt sie.
Durch den Gang
I nehm den Schlüssel 36C, den i gestern vom Boden g’klaubt hab. Der is fei schwerer, als a Schlüssel g’hört. Vielleicht a Teil davon, was eigntlich a Stecker is. Hinten drauf: a kleiner Lichtpunkt, fast unsichtbar. I häng mi mit’m Ohr nah hin – surrt.
Im Gang is’s feucht. Der Wind pfeift durchs Kellerfenster, wia a Mundharmonika, schlecht g’stimmt. Die Kellertür ächzt beim Aufmochn. Raum vier. Die Wand schaut anders aus, leicht wölbt sie sich, als ob sie atmet. Stell dir des vor, a Mauer, die an Puls hat.
„Hörst’s aa?“ – i fluch leise. Der Pförtner seine Stimme, oder a Erinnerung. „Raum vier – Licht innen.“ I lauf mit’m Finger die Kante vom Putz entlang. Da – a feine Linie. Net Gips, eher Filmrissartig.
I hol a Taschenlampe, die seit Wochen flackert, und richt sie drauf. Im Lichtschein beginnt die Wand zu schimmern, wie öl auf Beton. Die Linie zieht sich höher, fast bis zur Deckenleiste. I leg da Schlüssel drauf – und spür, wie er magnetisch angezogen wird. Er pickt an der Wand, summt mit. Und – als ob sich was synchronisiert – mein Herz schlagt im selben Maß. Drei … zwo … still. Der Moment dazwischen is beinah angenehm.
I halt den Atem an, lausch. Weit hinten tropft’s. Dann a leises Klicken, als hätt jemand in a andere Etage a Lichtschalter betätigt. Und wirklich – von oben rinnt a Streif Licht runter, bläulich diesmal. Net warm, eher wie Krankheit an Glas. Aber i kann net anders, i tipp mit’m Zeigefinger drauf. Kurz steckt alles still, dann zittert des Mauerstück und zieht sich zurück, a halben Zoll. So a Bewegung gibt Wände normal net her.
„Wer bist du, Kramer?“, hallt’s von irgendwoher, meiselten die Worte in die Wand selber. I zuck z’samm, aber antworte trotzdem: „A Depp, der z’vü fragt.“ Die Stimme lacht, dumpf, fast freundlich: „Dann bist da Richtige.“
Im Kellerl
Der Projektor steht still. Aber des Licht im Spiegel – na, des lebt. I halt Linse 36B nah an des Glas, und plötzlich springt die Reflexion um: I seh net mich, sondern den Fluss, von oben. Und in der Mitte a Stab, tanzend, hell. Wieder drei–zwo. Er flackert schneller, und i merk, dass des Schloss 36C in meiner Hand leicht warm wird.
Dann huscht was hinter mir vorbei – a Schatten, kein klarer Mensch. Grad genug, dass i mich unwillkürlich duck. Der Spiegel blinkt auf, und i mein kurz, Anna zu sehen, halb durchsichtig, mit’m Kameraauge. „Er kommt“, sagt sie diesmal. Ganz klar.
I renn nix – bleib einfach stehen, bis des Rote sich zurückzieht, wia a Welle, die keine Lust mehr hat.
I steh noch a ganz Weil so da, spür den kalten Beton durch die Schuhsohlen. Des Summen is weg, aber in meinem Ohr bleibt a eigenes Zucken, als müsst i selber grad was empfangen. Dann fällt ma ei, dass Anna vor drei Jahr ois Projektorlicht probiert hat einzufangen – sie hat gmeint, im Licht steckt Erinnerung. Wenn i jetz in des Rot schau, schwör i, kurz seh i a Bild: ihr Gesicht, halb verdeckt von’m Linsenkörper. Sie lacht net, sie schaut so, als wüsst sie, des Experiment wird mi irgendwann ersaufen lassen.
„Er kommt“, hallt’s nochmal im Kopf. I schreib’s mir auf den Handrücken, damit i net vergiss. Bloß die Schrift is kaum sichtbar, weil’s Licht so flackert.
Zwischenräume
Im Hinterteil vom Keller stinkt’s nach Schmieröl und alter Zeit. Da steht a Werkbank, drauf alte Diarahmen, Glasplatten, Filmbänder, griabig verstaubt. I schau durch a Lupe – drauf erkennt ma winzige Zahlen: 3, 2, dann glei a Lücke. Auf jedem Band derselbe Rhythmus. Des is koan Zufall mehr.
I hör Schritte – ganz langsam, als tät wer barfuß auf Beton gehen. Dreh mi um: nix. Aber am Boden a Spur, fein nasser Abdruck, als hätt’s grad gschneit, bloß dass’s warm is. Und zwischen den Abdrücken, kleine, leuchtende Punkte, rot und blau. Wia Adern aus Licht.
I sag halblaut: „Wennst des bist, Anna, gib a Zeichen.“ Nix passiert. Erst, wie i wieder umdreh, hör i des Flistern. Kein Wort, nur Tonhöhen, moduliert, fast wia Wellen. I setz mi auf den Hocker vor’m Projektor – und lausch. Drei–zwo. Drei–zwo. Vielleicht is des net bloß Rhythmus. Vielleicht a Befehl.
Beim Gasslbräu
Resi steht am Fenster und zieht a Bier mit so a missmutig’n Gesicht. „Ned scho wieda, Kramer? Du schaust wia’d Wand in’m Regen.“ – „Schön’s Kompliment.“ I erzähl kurz von’m Keller, aber spar mi die Details. Sie hebt bloß ein Augenbrau, fei spöttisch. „Der Pförtner war da. Hat g’sagt, er möcht dich sehen. Im Archiv, ganz untn. Und bring den Deckel mit, den wo du gefunden hast.“
„Welchen Deckel?“ — „Den mit’m gravierten C. Hat g’sagt, du wirst’s schon wissen.“
Sie lehnt sich nach vorn: „Weißt, Kramer, manchmal wär g’scheiter, du lässt des Recherchiern und fangst zum Beten an.“ I lache. Aber so halb. „Beten hilft höchstens dem Wetter, und des is heit a grantiger Hund.“
Beim Rausgeh’n klirrt irgendwo a Glas. Hinter mir ruft Resi noch: „Wenn’s rot wird, lauf net – schau hin!“
Vor der Tür zieht a kalter Zug durch die Gass’n. I bleib kurz stehn, hör aus’m Hausflur no ihr Radiodrahn – irgendein älterer Schlager dudelt, leicht verzerrt, als würd er aus’m Keller kommen, net vom Wirtshaus. I schau z’ruck ins Fenster, seh Resi über’m Glas grübeln. Ihr Blick is auf mich gerichtet, aber wia durch mich durch. Und, schwör i, für an Wimpernschlag is des Licht in der Schanksäul rot.
Draußen dampft der Asphalt. I geh Richtung Brücke, die Schuhsohlen klatschen im Halbregen. Über’m Dach vom Gasslbräu zieht a Streif Licht drüber, so dünn, dass’s fast Halluzination sein könnt. Trotzdem – der Herzschlag vom Inn da unten brummt dazu, so vertraut, dass mir g’rad fast schwindlig wird.
Am Rathausplatz
Die Luft draußen beißt, Wind pfeift zwischen de Häusl. Über’m Inn blinkt’s. Net stark, aber deutlich: drei–zwo. Ich heb kurz die Linse 36B, und das Licht antwortet tatsächlich – wia a Morsezeichen. Dann, plötzlich: a schwacher, aber erkennbarer Schatten steht auf dem anderen Ufer. Hochgewachsen, mit an Stab in da Hand.
Diesmal hebt er den Stab, und des Rot wird fast bläulich. Zum ersten Mal. A kaltes Blau über’m Wasser, als hätt da Himmel kurz gähnt.
„Mach fertig“, hör i wieder. Nur diesmal nicht aus’m Keller. Sondern von drüben, über des uferlose Dunkel. Und i spür, dass i jetz nimma nur Zuschauer bin.
I geh langsam weiter, Richtung Spitalstadt, wo des Archiv wartet. Hinter mir summt der Wind durch die Gassn wia a alter Projektorlüfter.
Grad bevor i um die Eck verschwinde, glimmt auf’m Pflaster a Tropfen Licht – runa g’fallen aus meiner Manteltasch. Ein winziger, roter Punkt. Flackert einmal, dann is er aus.
Ich bleib kurz stehn, murmel: „Na guad…“. Der Regen fangt an, obwohl’s vorher hieß: null Millimeter. Wia immer – nix lafft, wia’s soll.
Und grad, wie i weitergeh, merk i unter’m Schuh was Weiches, a Bapperl vielleicht. I heb’s auf – a kleines Stück Filmstreifen, drauf a einzelnes Frame: a Auge, halb geöffnet. Drunter in winzigen Buchstaben: „Zwo.“ I lach bitter, steck’s ei. Irgendwas hat angefangen, und i weiß genau, dass i’s nimmer stoppen kann.
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