Am Steg
Der Inn war heit so klar, dass i fast den Grund hätt sehen können. Fast. Der Wind – a laues Hauchal bloß – ging so sacht übers Wasser, dass des Licht drauf glitzerte, wia wenn jemand unten mitm Spiegel spielt. Oida, dazwischen war wos. I hab gmerkt, wia mir das Herz im selben Takt klopft wia des rote Ding, des scho seit Tagen spukt. Des is koa Zufall nimmer.
Da Fischer hockt wieda am Rand, Pfeiferl im Maul, tut so, als wär i a Geist. „Z’ruckkommen is net leicht“, sagt er, ohne mich anzuschaun. I: „Was soll denn z’ruckkommen?“ Er grinst, ohne Zahn, und langt mitm Stock ins Wasser, als wollt er wos rausfischen. Bloß Luft. „Wenn’s redt, hör hin“, murmelt er, „aber ned schaun.“
Gell, i hab mir denkt, der spinnt. Aber dann, glei drauf, zerrt wos an meiner Hand – kalt, metallisch, als wär a Draht dran. I blick runter, seh bloß mei Spiegelbild … und im Augenblick drauf war’s net mei Gesicht, sondern Annas. Blass, ruhig. Und hinter ihr des rote Schimmern, wia Atem unter Wasser.
Die Spur im Wasser
I bin an dem Steg no lang gstandn, fast wia eingfrorn. Nur des feine Krachen vom Holz unterm Schuh, des war echt. Im Wasser is ois wieda ruhig worn, und trotzdem – irgendwas is bleibn. Wia a leises Ziahn, vom Strom herauf, direkt durchs Herz. I hab gmeint, des wär der Wind, aber der Wind is stumm gwordn. Nur der Geruch vom Fisch, bissl Eisen, bissl Öl. „Anna“, hab i noamal gflüstert, und wos drauf, oida, i schwör’s, hat kurz zurückgeflaxt, ganz leise, fast fragend: „No amal?“
Da Fischer hebt langsam den Kopf, nickt wia einer, der eh scho ois weiß. „Wenn’s redt, lass reden. Sonst holt’s di eh“, sagt er noch, zieht sein Pfeiferl ausm Mund und zündt’s wieder o. I wöllt wos entgegenspucken, a: „Bua, du redst Schwachsinn!“ – aber i konnt nimma. Des Holz vibrierte leicht unterm Schuh. Drunt a Schatten, wia a Mensch, bloß flach.
I bin dann gangen. Net gflüchtet, na, aber schnell. Im Gehn hob i z’sammgrechnet, dass des rote Glühn und der Schlüssel aus’m Keller – dass des zwoa Ecken vom selben Kreisel san. Und i bin der Depp, der mittendrin steht.
Dahoam im Keller
Daheim war’s still. Zu still, fei. I hab den Projektor wieder auf d’Kiste gsetzt. Staub glitzert im schwachen Licht – und da rote Streif in der Linse. „Er schaut“, hat’s g’sagt letztens. Heit kimmts mir vor, als schaug i z’ruck.
I leg des Negativ vom letzten Umschlag ein – des mit der Tür, wo’s Licht dahinter lacht. Ka Geräusch erst, dann ein Summen, wia a Herzschlag. Plötzlich huscht a Schatten über d’Wand, wia a Mensch ohne Umriss. Die Luft wird kalt, metallisch. Und dann, zack – a Stimme, blechern, direkt aus’m Projektorpfeifen: „Schlüssel zwei… aktiv.“
I such mit’m Blick den Keller ab. Irgendwo tropft’s. Da Spiegel is angelaufen. I hab den heißen Schlüssel 36B in der Hosn, spür ihn fast pulsieren. I denk: Wenn er sich so aufführt, will er wos. Also rein damit in des Schloss, des bloß schwarzes Loch is. Klick. A kaum hörbarer Ton, dann bewegt sich d’Wand, oida, wia Schleim. Dahinter – a Raum, des kann’s net geben.
Geräusch der Stufen
Bevor i eingeh, hock i mi auf’n alten Bierkasten. A Tropfen fällt regelmäßig ins Leere – plopp, plopp – wia a Metronom. Und i denk: Wenn des hier a Rhythmus is, dann dirigiert ihn irgendwer. Hinter der Wand flackert des Licht vom Projektor, schneidend rot. I hör mein eign Atem, gmixt mit’m metallischen Summen.
„Verrück dich ned“, sag i mir selber, „du bist ned glei so deppert wie’s ausschaut.“ Aber des andre Ich, des in meinem Kopf, lacht kurz, tief, grad so dass i spür, wia des Lachen an de Rippen kratzt. Dann steh i auf, die Hand auf’m Schlüssel – a letzter Ruck – und rein.
Raum vier
Drinnen riecht’s nach altem Eisen und Kino. A kleiner Tisch, druff a zerrissner Filmstreifen, und – i sog dir – a Linse, größer, trüb, mit Gravur: 36C. Noch so a verdammte Stufe also. I fahr mitm Finger drüber, des Glas zittert leicht, wia lebendig.
„Anna?“, murmel i. Statt Antwort summt’s. Der Projektor im Nebenraum springt o, von allein. Auf der Wand erscheint wos – erst flimmert bloß Wasser, dann der Fluss, dann … i. Wieder i, im Keller, nur dass a Hand von hinten auf meine Schulter liegt. Rot beleuchtet. A Finger, durchsichtig. Und i hör: „Mach fertig.“
Scheiß drauf, i hau gegen d’Wand, Licht flackert, Bild haut ab, Ohrensausen. Des Licht aus der Linse zieht sich z’samm, wia a Atemzug. Kurzer Schlag Stille.
Der Atem der Wand
Und genau da, wo vorher des Bild no g’wen is, schiebt sich a Blase aus der Mauer. Wia Flüssigkeit, bloß träge. I geh näher, stoß mit’m Finger dagegen – des Ding geht leicht zurück, wia a Membran. Dahinter a Leuchten, ganz matt. I hör Geräusch, fast menschlich: so a Zugg, wia wenn einer tief schnappt.
I stolper zruck, reiß no schnell des Notizbuch aus der Jackentasch und kritzel: Raum lebt. Oida, klingt banal, aber in dem Moment war des die einzig richtige Beschreibung.
„Wennst fertig bist, dreh um“, flüsterts, und jetzt war i mir sicher – des war Annas Stimm. Bloß trocken, wia von weit her. I wollt schreien, fragen, wiuum des olle Gschichtl um sie, des mit’m Fluss, nimma ruht. Aber nur des Summen bleibt.
Dann a Klicken. Die Luft zieht an, wia einatmen. I pack die Linse, stopf sie in d’Jackeninnentasch und renn raus. Hinter mir knackts und dampft, als würd der ganze Beton lungern.
Gasslbräu-Gschichtn
Resi schaut mi beim Eintreten an, wia wenn i a Gespenst wär. „Bist as wieder gwen, Kramer?“, fragt’s leise. I nick bloß. „Da Pförtner hots was dalassn.“ – „Schon wieda?“ – „Er hat g’sagt, du sollst oba net heut aufmachen. Nur wenn’s frägt.“ Sie hebt a kleiner Kuvertl, schwer, metallisch klingend. I schau drauf, Lesbare Schrift: Raum 4 – Licht innen
„Weißt was“, sag i, „der Pförtner is aa so a Sonderling. Macht’s gern spannend, hä?“ Resi zieht an ihrer Zigarette, pustet a Wolke, schnauft: „Der war gestern im Archiv. Danach ham’s des Licht net mehr ausg’kriegt.“
Oida, des bleibt dann hocken. Sogar zum Weißbier schmeckt da plötzlich komisch.
Da Sägewerks-Sepp grinst drüben: „Du Kramer, hast’s g’spürt heit? Ganz leichte Erdbewegung unterm Fluss, hat da Wirt g’sagt.“ – „Ja bei uns hebt si eh alles, bloß die Gemüter ned“, konter i. Aber ehrlich gesagt: i hab in dem Moment wieder des Pochen im Brustbein gspürt. Gleichmaß mit’m Licht.
Gesprengte Stille
I hock mi hinter in die Nische, wo des Wirtshausglas schief hängt. Resi kommt noamal, stellt zwoa Schnäpse hin. „Geht auf mi“, sagt sie, „du schaust aus wia g’wäschen und ungebügelt zugleich.“ I lach, aber ohne Gaudi.
„Resi“, frag i schließlich, „wennst an Pförtner kennt hast, würdest’n suchen?“ Sie schaut mi lang an. „Kommt drauf an, was er hinterlassen hat.“ – „Bloß a Kuvert.“ – „Dann lass’s zu. Bei uns is ned ois zum Aufmach’n.“
Aber i konnt’s nimma lassen. I hab’s Kuvert aus der Tasche zogn, aufgmacht, langsam. Drin: a kleiner Metallstreif mit Gravur 36D und a Zettel, unleserlich, außer des letzte Wort: Fenster.
Da Sepp, der bis dahin bloß mitghört hat, flüstert: „Fenster? Mei Opa hot g’sagt, Fenster san da Spiegel vom Fluss. Wenn er dich anschaut, bleib still.“ I laach nervös. Aber tief drinnen zieht’s mi längst nimma in Richtung klarer Kopf.
Am Fenster
Spät in der Nacht. Passau ruhig, nur a paar Lichter von’m anderen Ufer. 7 Grad, die Scheiben beschlagen, i steh da, schau zum Wasser. Und wia ich schau, blitzt des rote Glühn, diesmal net im Fluss, sondern auf meiner eig’nen Fensterscheibn – von innen. Wia a Kiemen, auf und zua.
Hinter mir klackt was. I dreh mi um. Der Spiegel vom Keller steht auf’n Boden, obwohl i ihn net rauf g’stellt hab. Darin seh i net mi, sondern des Pumpenhäusl. Licht blinkt: drei–zwo. Der selbe Rhythmus.
Aus’m Kuvert, das no ungöffnet daliegt, tropft a dünner, roter Faden raus. Oida… des is koa Tinte.
Wenn’s Licht atmet
I beug mi über des Kuvert und starr auf des Tröpfeln. Es dampft leicht, warm – ja warm! – und riecht wia Eisenregen. I nimm a Taschentuch, drück drauf; der Stoff fängt sofort an zu pulsieren. Da war’s wieder, des rhythmische Pochen. Immer, wia wenn die Welt hinter der Wand a zweites Herz hätt.
I heb den Spiegel auf. Draußen nix – innen ois. Des Pumpenhäusl im Spiegel leuchtet nimmer rot, sondern orange, ganz sanft. A Nebelschleier zieht durch des Bild, und mittendrin a Figur, gschätzte höfliche Größe, verschleiert. I press fast die Nasn an’s Glas. „Anna?“ – kein Ton, bloß a Bewegung, wia a Nicken, aber net gscheit menschlich gscheid.
Plötzlich hebt a Wind an, obwohl ois zua is. Gardine flattert, Papier raschelt, und des Kuvert hebt si kurz an, als will’s weg – ich pack’s, drück’s an die Brust.
In dem Moment, i schwör’s, hör i’s aus’m Spiegel, dumpf und doch nah:
„Du host di verirrt, Kramer. Bleib still. Bald kimmt’s auf.“
Mir verläuft des Gänshaut bis in d’Zehen. Und doch, irgendwo tief drin – a Stück von mir grinst. Weil i weiß: Jeder Schritt tiefer bringt mi näher an des Rätsel, und vielleicht, nur vielleicht, an Anna.
Die Nacht unter’m Dach
I konnt nimmer runter in Keller, also bin i ‘nauf. Beim Dachboden riecht’s nach Holz, Tauben und kaltem Staub. I wollt nur des Kuvert dalassn, aber des Licht verfolgt mi. Bei jedem Schritt knackt der Boden, bei jedem Knacken meint i, unter mir läuft Wasser.
Dort oben steht no die alte Kinoreklametafel, die Anna damals gmocht hat – „Lichtspielhaus Innblick“ – goldne Buchstaben, groß wie Finger. I fahr drüber, und der Staub leuchtet kurz rot. Wia von innen heraus.
Unter der Holzlatte find i a Papierrolle. Darauf mit Bleistift: 36E. Linse sucht dich. Wieder so a Botschaft – und genau an der Stelle, wo des rote Leuchten herkommt. I denk nimma; i schreib nimma. I leg bloß des Kuvert daneben, sag halblaut: „Dann soll’s mi holn, wenn’s woas braucht.“
In dem Moment hör i unten vom Keller a Summen, weit, tief, wummm, und all des Holz bebt. I renn ans Fenster. Draußen: der Fluss hebt si tatsächlich, a Miniwelle gegen den Strom. Und in ihr blitzt kurz wos – a Zahl. 37.
I bleib starr. Noch a Schritt fehlt bis zum Ende, red i mir ein. Aber welches Ende meinen die na – ihres oder meins?
Am Steg – Rückkehr
Früh Morgn. Nebel hängt dick überm Inn, wia Rahm auf Milch. I bin wieda dort, wo alles angfangt hat. Der Fischerplatz leer. Bloß des Pfeiferl liegt no da, nass. I heb’s auf, riech dran: feucht, wia Metall.
Hinten knackt’s, und i denk erst, es wär a Ast. Doch dann blitzt zwischen’m Dunst wos auf – des rote Glimma, sachte, wia a g’schlagner Puls. Und i merk, wia i nimma nur schau, i hör des Pochen vom Wasser. Eins zu eins in meinem Brustkorb.
„Wenn’s redt, hör hin, aber ned schaun“, hatte er g’sagt. Des war a Warnung. Jetzt redt’s anders. Des Wasser summt. Des Pfeiferl vibriert leicht in meiner Hand, und auf’m Holz vom Steg zeichnen sich Kreise ab, konzentrisch, wia Atemzüge.
I knie mi hin, spür den Wind, red leise: „Wennst noch do bist, Anna…“
A Welle zittert – antwortet? – und schwappt bis an mei Schuh. Und im nächsten Moment – dunkel, bloß innen drin, blinkt zum allerersten Mal nix mehr rot, sondern weichweiß. Ruhig.
Und i denk: Vielleicht is des erst der Anfang von der Ruah.
Hinter mir plätschert’s, ganz sacht. Und irgendwas flüstert: „Ned aufmachen… no ned.“
Oida, und i halt den Atem an. Weil i spür – no a Schritt, und’s Licht schaut z’ruck.
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