Am Inn
Der Wind war heit mild, fast freundschaftlich – so um die zehn Kämh, würd i sagen. Doch das Wasser… des war still. Zu still, oida. Ich stand also wieder am Ufer, dort wo der Fischer letztmals gstanden is. Kein Nebel, nur a dünnes Glitzern überm Fluss, als wär da wer unten und hielte a Taschenlampe gegen den Himmel.
Ich hab die Linse aus dem Umschlag geholt – die gleiche, wo der Pförtner mir aufgedrückt hat. Sie glänzte noch, leicht beschlagen. Kaum halt i’s vor d’Augen, wird des Wasser tiefer, finsterer. Und ganz hinten, unter der Oberfläche, zieht was auf, a roter Keil, wie a Herzschlag im Wasser. „Licht innen“, murmelt’s in mei’m Kopf. Des is koa Geräusch, des is… naja, wie Erinnerung, die zruckkommt.
Dann war da plötzlich jemand hinter mir. Ich hör nix, spür nur a Luftzug und a Satz, wie aus’m Radio: „Raum vier is net leer.“
Der Schatten im Wasser
I hab mi so rasch umdraht, dass i fast ausgerutscht wär. Nix. Nur Blätter im Wind, a paar Wellen. Aber tief unten, wo der rote Keil grad noch war, da brodelt was. Wie Gasblasen, aber im Rhythmus. Drei… zwo… drei… Und dann hör i was, wie a Klingen – leise, metallisch. Ich mein zuerst, des is mei Gürtel, der flattert, aber nein – des kommt vom Inn selber. A feines, helles Sirren. Und auf einmal, wia’s aufgehört hat, war i sicher: Des Wasser merkt si mi.
Ich hock mi hin, Hände in die Hosentaschen, und lausch nur noch dem Gurgeln. Und währenddessen zieht von Westen her a dünner Windstreif, bringt an trocknen Geschmack, wia Eisen. I merk, dass i schweißnass bin, aber kalt. Und innerhalb von zwei Herzschlägen friert’s mi, als stünd i mitten im Februar. So schaut der Sommer heut nimmer aus, denk i mir, und spür, dass der Blick vom Ufer net meiner is.
„Da G’scheite Grantler“, hör i einer sagen – Stimme weit weg, aber bekannt. Vielleicht hat da Inn selber g’grantelt, wer weiß.
Wirtshausgschichtn
Beim Gasslbräu war’s wie immer: Bier, Gschimpf und Resis unnachahmlicher Blick, der jeden unruhig wer’n lässt. „Kramer, schaust net guad aus. Host wieda an Schatten g’seng?“, fragt’s grinsend. Ich heb a nur den Krug. „Den selben Schatten, Resi. Nur is er heit heller gwen.“
Neben uns setzt si der Sägewerks-Sepp sama hin, surrt vom Windrad draußen: „Die Lichter, die da am Inn tanzen – mia ham’s heut früh am Wehr gseng. Net normal, sowas.“ Ich nick, schau ihn an. „Was is scho normal, Sepp?“
„Wenn’s Licht redt, Kramer, dann spinnt da wer.“
„Oder da Himmel“, sag i trocken. Da lacht keiner.
Stammtischstille
Resi lehnt si vornüber, ihre Stirn glänzt leicht, und sie redt leiser. „Du, Kramer, i hab amal was ghört – von wegen Raum vier. Da hat der Postler-Nickel erzählt, da unten hätten’s früher a Labor g’habt. Vom alten Krankenhaus, weißt, bevor’s abbrannt is.“ Sie schaut mich an, als hätt sie Angst, dass i sie auslach. Ich schieb nur mei Krug hin. „Labor am Inn? Klingt wie a schlechter Krimi.“
„Naa“, sagt Sepp, „des is fei wahr. Hab selber no a rostige Trage gfundn, am Rand vom nahen Gebüsch. Komisch verdreht.“
Mir wird dabei anders. Die Luft im Wirtshaus hängt schwer, nach Malz und Rauch, und in mir klopft was, so wie’s am Wasser war. Drei… zwo… drei… Ich klopf mit’m Finger aufs Holz, wie zum Testen, ob’s da is, was ich glaub. Dann sag i kaum hörbar: „Vielleicht redt net da Himmel. Vielleicht nur des, was drunter is.“
Sepp schaut mich an, als hätt i a Bier zu viel. Resi schweigt. Und irgendwo klappert a Fenster, ganz sacht. Als wär jemand draußen, der zuhört.
Nachklang am Heimweg
Der Weg nach Haus führt vorbei am alten Sägewerk. Die Bretterwand ächzt, als wind’s glei auseinanderfliegt. Ein paar Tropfen fallen vom Himmel, warm und vereinzelt, wie zögernde Finger. Ich bleib kurz steh und schau rüber zum Inn. Hinter den Pappeln leuchtet’s schmal und pulsierend. Nicht stark, eher so als würd jemand an rotes Tuch unters Wasser halten. Ich sag leise: „Red halt glei, wennst wos sogn wüst.“ Aber es schweigt. Nur der Wind trägt’s Rauschen weiter. Und irgendwo, tief unten, schlägt was im Takt.
Raum vier
Später, dahoam, steig i in’n Keller. 14 Grad, dry wohl, fei. Des Licht flackert net, und doch schaut alles aus, als wär’s belichtet von innen raus. Ich stell die Linse auf den Tisch, neben’n alten Schlüssel 36B. Dann seh i die Gravur auf der Rückwand: 36C – glänzt, als wär sie grad erst reingebrannt wor’n. Ich dreh den Schlüssel. Nix passiert. Doch plötzlich höre ich Schritte. Innen. Im Raum.
„Anna?“ – Nix. Nur a leiser Widerhall, wie’s Tropfen, der aus der Mauer herausfällt. Dann blendet mi a Licht, same Richtung wia der Gang zum Raum vier. Kurz danach wieder die Stimme, metallisch, abgehackt: „Mach… fertig.“
Und diesmal kommt’s mir vor, als käm’s net vom Spiegel, sondern aus der Wand. Ich lehn mi hin, press Ohr dagegen. Ganz dumpf, fast kindlich, plärrt’s: „36C… auf… innen.“
Der Atem im Gang
Ich geh drei Schritte rückwärts, der Keller is schmal, feucht, der Beton riecht nach Erde. Unten zieht a kalter Strom durch, als atmet der Boden selber. Dann – ein dumpfer Schlag, von innen her, gegen die Mauer. Ich stolper, fall fast gegen den Tisch. Des Glas von der Linse klirrt leicht. Und in dem Moment fühl ich’s: a Vibration, rhythmisch. Drei… zwo… drei…
Ich nehm den Schlüssel wieder auf. Mein Herz pocht so, dass mir schlecht wird. „Mach fertig.“ Der Satz wiederholt sich, diesmal im Raum selbst, als hätt einer ihn da stehengelassen. Und mitten in dem Pochen hör ich – schwach – a Summen. Es klingt wie Strom, aber von keiner Leitung. Eher von was Lebendigem.
„Wenn’s Lebendige summt, lauf,“ hat mei Oma g’sagt. Aber i lauf net. Net diesmal.
Ich setz mi auf die Stufn, wart, red halblaut zu mir selber: „Wenn 36B nix tut, vielleicht is 36C nur a Spiegelbild. Oder a Schlüssel, der auf d’Rückseite wirkt.“ Klingt narrisch, aber i spür, wie’s richtig is. Drei… zwo… drei…
Dann Stille. Nur a Wasserrinnsal irgendwo in der Wand, das kurz lacht, bevor’s versickert. Und i merk, dass i nimma allein bin.
Zwischen Glas und Haut
Ich hol die Filmspule. Vielleicht a Fehler, aber i kann fei nimma anders. Leg sie in den Projektor, und – oida – der läuft, obwohl i gar ned druck. Das Bild: der Keller. Meiner. Nur steht da hinter dem Spiegel a zweiter I. Und der zweite… schaut in d’Kamera. Kein Witz. Hinter ihm, kurz sichtbar, der Pförtner. Genau! Der, den i gerade noch in Resis Wirtshaus g’wußt hab. Mit’m roten Tropfen am Ärmel.
Dann Stille. Ich geh näher zur Leinwand, und – heiliger, hab a gspürt, wie’s aus’m Bild rauszieht. A Zug, als würd mi des Licht selber wolln. Ich hab dagegen g’schrie’n. Laut. „Net diesmal, fei net!“ Das Filmecho wiederholt’s, zeitversetzt: „Net… diesmal…“
Projektion der Erinnerung
Die Leinwand flimmert nu, dann zeigt’s was anderes: a Feld bei Nacht, eine Gestalt mit’m Lichtstab, der im Takt blinkt – drei, zwo, drei – und daneben ein Kreis am Boden, als hätt wer in den Acker gebrannt. Ich schau’s an und merk, dass hinter der Leinwand a Geräusch is, wia fingergroße Tropfen, die gegen Stoff klopfen. Ich will um d’Eck geh, doch da is nix. Nix als Schatten und dieses Flackern.
Ich schau wieder in den Film, und da bin i, diesmal jünger, steh neben irgendwem – kann aber net erkennen, wer. Vielleicht Anna. Eins weiß i nur: Die Szene wird heller, rot, warm. Und grad, wie i die Hand ausstreck im Film, hebt sich die Leinwand leicht, als ob wer drunter atmet.
Des zieht sich durch mich, durch Kopf, Brust, bis in die Zähn. Licht tut weh, denk i, aber aufgeben? Naa. Also bleib i stehn, wart, wie der Streifen langsam verbrennt – von der Mitte aus. Da stinkt’s nach Ozon, und durchs Brennen hindurch erkenne i Buchstaben. 36C. Und drumrum… Wasser. Viel Wasser.
Wenn Bilder atmen
Ich zieh den Stecker, doch nix passiert. Der Projektor läuft weiter, als hätt er an eig’nen Willen. Da fällt mi plötzlich ein, wie der Pförtner damals gschaut hat, mit dem roten Tropfen. Vielleicht war des gar koa Blut. Vielleicht war des ’n Rest vom Licht. I schau in die Glaskuppel vom Gerät. Darin: a Spiegelung. Mein Gesicht – aber grinsend. Breiter, dunkler. Des Grinsen wandert a Stückerl nach links, wo keiner mehr is. Ich streich übers Glas – und alles wird rot. Ganz ruhig, ganz tief.
Dann aus. Einfach so. Ich steh im Dunkeln, atme, wart, dass des Herz wieder normal schlogt. Drei… zwo… drei… aber diesmal tut’s weh, wie von innen brennt.
Der rote Blick
Es war vorbei, bevor ich denken konnt. Der Projektor surrt aus, und auf der Wand steh i selber, aber durchsichtig. Hinter mir, durchs Mauerbild, is der Fluss zu sehen. Ganz klar, wie heut. Drin schwimmt was. Rot. Es pulsiert drei… zwo… drei…
Ich schleuder die Linse weg, doch sie bleibt an der Wand kleben. Kein Scherz. Und langsam, wie Blut in Milch, verteilt sich das rote Leuchten ringsum.
Ich renn nach oben, raus auf’n Balkon. Am Inn – genau gegenüber – steht einer mit nem Lichtstab. Vielleicht die Gestalt aus’m Film. Vielleicht der Fischer. Vielleicht… ich selber. Des Licht schlägt takt. Drei–zwo. Und dann fällt mir auf: des Haus summt mit.
„Licht innen“ – hör i leis, fast zärtlich.
Und dann – wumm – fällt im Keller des Schloss 36C aus der Halterung.
Oida… jetzt geht’s erst richtig los.
Der letzte Blick nach unten
Der Balkonboden vibriert leicht, irgendwo unter mir arbeitet was, mechanisch oder lebendig, i kann’s nimma sagen. Der Inn glänzt jetzt nicht mehr, er glimmt. In Bahnen, wie Adern. Und das Pulsieren schickt a Schwall warmer Luft bis herauf, der nach Metall und Salz schmeckt. Ich halt mich am Geländer fest, schrei in die Nacht: „Was wüst’n? Sag’s gscheid!“
Doch die Antwort is anders, viel leiser, ein Flüstern mitten im Kopf: „Schau wieder hi.“
Ich tu’s. Und seh, dass im Kellerfenster unten a roter Schatten auftaucht. Kurz. Wie a Auge, das blinzelt. Dann is finster. Nur des Summen bleibt, rhythmisch, immer näher. Drei… zwo… drei…
Ich weiß net, ob i lachen oder rennen soll. Also steh i bloß da. Zwischen mir und dem Licht, zwischen Glas und Haut, zwischen dem Inn und der Wand. Und irgendwo, ganz tief drinnen, spür i: Jetzt fangt’s erst an, was vo Anfang an unten gschlummert hat.
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