Kalte Luft, klare Nacht
Klar war’s über Passau, wia Glas. 0,4 Grad, sagt der Wetterbericht. I brauch kan Bericht – i spür’s eh am Gfühl, wenn der Atem dampft wia vom Ochs vorm Stall. Der Inn weit unten glitzert, glei wieder als hätt er a Ahnung, was i heut noch such. Mei, so still war’s nimmer lang.
I steh am Balkon, der Filmprojektor no stumm im Eck, die Filmrolle „AK – letzter Schnitt“ auf’m Tisch. I hab net glei den Mut, sie einzuspannen – net heut, net bei der Kält, net bei dem Gfui, dass jemand hinter’m Fenster vom Nachbarhaus schaut. A rotes Flackern drüben. Könnt an Ofen sein… oder wos anders. I zieh den Mantel enger, geh runter.
Im Hausgang riecht’s nach feuchtem Holz. Vom Keller her kommt so a dumpfes Knacksen. Klar – Holz arbeitet, sagt jeder. Aber Holz spricht aa, wenn ma hinhört. Und heut, da is’s fast, als würd’s auf a Antwort warten.
Schatten im Nebelhof
Die Gass vorm Haus dampft leicht – Nebelschwaden ziehen vom Fluss herauf, schleichen sich zwischen die Laternen wie graue Gespenster, die net wissen, wohin mit sich. I bleib kurz steh. Der Atem steht vor mir in der Luft, verzieht sich dann wie Rauch. Unter’m Balkon vom Nachbarn hängt a Klingel, die keiner hört, trotzdem schwingt’s Metall leicht. Irgendwer hat sie grad berührt, denk i mir. Oder der Wind war narrisch g’nua.
„Na, Kramer, wos suchst du scho wieder in der Nacht?“ Der Nachbar vom dritten Stock linst aus’m Fenster, Zigarette in der Hand.
„Bloß Luft, Hansi. A bisserl Luft vor’m Wahnsinn.“
„Dann mach zua, sonst fangst ihn no richtig ein.“
Er lacht, zieht den Vorhang. I bleib no a Sekunde, spür den Steinboden unterm Schuh, kalt bis durch die Sohle. Irgendwo bellt a Hund; dann is Ruh. Nur mei Herz klopft schneller, als es müsst. A leiser Windstoß treibt an fetzen Frostluft über’n Hof, und i denk mir, dass des Holz daheim wohl wirklich zuhört, wenn einer red’t.
Beim Pförtner
Der Alte im Polizeiarchiv hat mir vorgestern den Schlüssel gegeben, erinnert’s mich. „Warten’s auf Dunkelheit“, hat er g’sagt. Dunkelheit hab i jetzt mehr als mir lieb ist. Also geh i rüber. Die Tür vom Archiv ist leicht – zu leicht – angerückt. I klopf trotzdem.
„I hob nix gmerkt, Kramer“, meint er, ohne aufzuschauen, „aber i glaub, Sie hören wieder wos, gell?“
„I hör nix“, sog i grantig, „des is genau des Problem.“
Er grinst, die Zähne gelb, aber fest. „Drei–zwo, hat des Radio g’sagt. Ham’s heut wieder g’spielt.“
G’spielt. A schönes Wort für a Warnung.
„Was is in Keller vier wirklich g’wesen?“ frag i. Er schaut kurz, sehr kurz, dann auf die Eisenkassette neben ihm. „Das Holz merkt sich jeden Atemzug.“
Dann is’ Ruh. Nur die Uhr tickt. I spür, wie’s zieht im Rücken. Irgendwas in seinen Worten hat a Tür bewegt – net auf, aber a bisserl in mir.
Die flüsternde Lampe
I setz mi in den kleinen Vorraum, wo die Neonröhrn flackern. Mei Finger tasten über den Schlüssel, der leicht nach Öl riecht. Der Alte summt irgendwas – a Melodie, die i fast kenn. Vielleicht vom alten Kino, wo i und Anna uns gsehn ham. Ja, des war bevor’s den Brand gab, bevor des Archiv seine Keller voller Asche g’habt hat.
„Pförtner“, sag i, „wos war damals, wirklich?“
Er zieht den Hut tiefer. „Glauben S’ mir, Kramer, net alles, was verbrannt is, bleibt tot.“
Sein Blick bohrt sich kurz in meinen. Da is nix Böses drin, aber a Müdigkeit, als hätt er die Stadt selber zu oft reden g’hört. Ich nick bloß, will gar keine Antwort mehr. Draußen hat’s zum Schnein angfangt, vorsichtig, als fürchtet sich der Schnee vorm Boden.
Da unten
Wieder z’haus. Wieder in den Keller. Diesmal mit’m echten Schlüssel 36A. Das Schloss klickt, so sauber, dass i kurz an Musik denk. Ein Schritt, zwei – wos is des da? A feiner Staubfilm auf’m Boden, aber mit zwei Fußspuren durch. Net meine.
I schalt die Lampe net ein – ich lass sie lieber aus. Nur das Mondlicht, das durch den schmalen Schacht fällt. Und da, am alten Spiegel, wo früher der Projektor stand – eine Hand. Ka Witz, a Handabdruck, frisch. Anna? Oder wer.
I wag einen Gruß, halblaut: „Wennst do bist, red endlich.“
Ganz leise zischt was, kaum verständlich – aber die Stimme is’ weiblich. „Keller… verzeiht net.“ Mir wird kalt, und zwar net vom Frost.
Ein Radio über mir springt plötzlich an. Wieder dieses Klicken, dann: drei–zwo. Ich renn nauf, stolper fast über die erste Treppenstuf – der Ton wird lauter, überlagert sich wia Echo im Tunnel.
Das zweite Flackern
Oben denk i, i wär sicher. Doch im Stiegenhaus brennt auf einmal des schwache Glühlicht wieder, flackert im Rhythmus vom eigenen Herz. Im Spiegel unterm Treppenhandlauf seh i kurz an Schatten, nur für a Sekunde – klein, schmal, fast vertraut. A Frau in a hellen Mantel, der an Saum aus Filmstreifen trägt. I dreh mi um – nix. Nur des Lietzn, der Wind, der durch die Ritzen fährt.
„Anna?“ Die Silbe bleibt mir im Hals steckn. Wenn sie da wär, würd’s Reden eh nix helfen – sie war nie eine für Worte. Sondern für Zeichen, für Bilder. Und jetzt scheinen die Bilder zurück zu kommen. Vielleicht hat sie die Filme nie verlassen. Vielleicht hockt sie in jedem Meter Zelluloid, der von uns übrig blieb.
Im Gasslbräu
Resi schaut mich an, als wär i der, der hier spukt. „Kramer, du schaust aus wia no fünf Tag ohne Schlaf.“
„Weil i seit fünf Tag kan gscheiten g’habt hab“, sag i. „Sag, hast du den mit’m roten Schal wiedergsehn?“
„Heut in der Früh. Hat an Kuvert dalassen. Für di.“ Sie schiebt’s rüber. Alte Filmnegative, und a Zettel: „Offen bei Schnee.“
„Des is doch scho wieder so a Rätsel, Resi.“
Sie zuckt mit der Schulter. „I bring bloß, was ma geb’n. Und Kramer… schau halt, dassd di net verkühlst. So klar wia heit – da friert da alles ein, was lebt.“
Im Hintergrund schaltet Toni des Radio aus. „Zuvui Rauschen heut – drei–zwo, wie letztes Mal. Irgendwer spielt mit’m Sender, glaub i.“
I nick, aber innerlich merk i, irgendwas spült die Botschaften in den Fluss. Irgendwer, der weiß, wia man Bilder z’sammensetzt.
Der Kuvert-Inhalt
I leg des Kuvert auf’n Tisch, blattiere die Negative. Nur Schatten drauf: ein Mann vorm Haus, und hintn – a Umriss, der sich kaum vom Hintergrund trennt. Schnee, sag i mir. Schnee, der alles gleich macht. Nur ein Bild is anders: Kellerfenster, halb offen, dahinter a heller Fleck, fast wia Flamme. „AK – 12/81“, steht drauf. Anna Kramer. Mei Name, ihr Initial’n. Vielleicht war des des letzte Mal, dass a Kamera sie g’sehen hat.
„Resi“, sag i, leise, „du warst doch in dem Kino, wo der Brand war, oder?“
Sie schaut auf, erst will sie lügen, dann nickt sie. „Ja. Und i hab die Stimme g’hört, mitten im Rauch. Hat g’sagt: drei–zwo. Dann war Ruh.“
Mir läuft a kalter Schauder den Rücken runter. Drei–zwo, als Countdown, oder als Gruß? Mei Gedanken flattern, bis Toni wieder hinhört – „Kramer, i glaub, du brauchst a andere Musik als des Geknister da.“
I laach trocken. „Musik hört eh auf, wenn man zu lang hinhört.“
Er zieht die Augenbraun hoch. „Samma froh, dass du sie überhaupt no hörst.“
I zahl, leg an Zwanzger hin, und geh. Draußen schneit’s jetzt ordentlich.
Da liegt wos im Dreck
Zurück dahoam. Unter’m Fenster eine Spur in gefrorner Erde, frisch. Und in der Spur a Streifen rotes Stoff, verwoben mit Fetzen Filmband. Ich heb’s auf, das Material steif vom Frost, aber kaum nehm ich’s in die Hand, da hör i’s wieder: drei–zwo – diesmal net vom Radio, sondern vom Holz selbst. Vom Türrahm her. Ganz feines Klopfen, als würd wer antworten.
Und unterm Filmstreifen steht mit Bleistift: „AK – wieder im Bild.“ Der Wind zieht auf, leise, sacht. Es klingt fast wie eine Stimme.
„Kramer… schau genauer hin.“
I schau. Und seh im Spiegel drüben – wia von innen heraus – Licht aus’m Keller flackern.
I hab no gar net reagiert, da spür i hinter mir a kalte Hand am Schulterblatt.
Dann – Stille. Nur des Holz atmet weiter.
Das Flimmern des Projekts
Langsam, ganz vorsichtig, dreh i mi um. Da steht nix – nur der Schein der Straßenlaterne, der durch die Gardine kriecht. Trotzdem halt i den Atem an, weil die Luft a andres Gewicht g’kriegt hat. A filmisches Gewicht. Wenn i die Filmrolle anschau, spür i, dass die Geschichte no net aus is. Die Kälte vom Metall frisst sich durch den Handschuh, und i stell mir vor, wie’s wär, sie trotzdem einzuspannen. Nur a paar Sekundn. Nur um zu wissen.
I trag des Ding rüber zum Projektor, dreh sachte an der Kurbel. Die Zahnräder rasseln, als hätt jede Umdrehung a Erinnerung für sich. Dann klickt’s. Des erste Bild erscheint: a Dachfirst über’m Inn, Schnee drauf, Himmel grau. Dann uns – oder eher unsre Schatten – zwei Figuren, Seite an Seite. Und im Hintergrund… a Lichtstreif, der in Richtung Keller flackert.
„Anna“, murmel i, und diesmal klingt mei Stimm fast ruhig. Vielleicht, weil i eh weiß, dass sie mi hören kann. Oder dass sie eh nie ganz wegg’war.
Kleine Geräusche
Die Sekunden dehnen sich. Der Film läuft, aber das Rattern ist zu regelmäßig, zu… lebendig. Die Bilder blecken sich auf der Wand – keine Nostalgie mehr, sondern wia Tatortfotos: Holzstreben, Dachziegel, Flammenzungen, und daneben a Schatten, der sich ausm Rauch windet.
I will abschalten, doch der Schalter reagiert net. „Verdammt“, murmel i. Dann, zwischen den Bilderfetzen, zittert kurz des Wort auf: Verzeiht net.
Die Filmrolle stottert, das Licht fällt aus, nur des Nachglühen bleibt, wie’n Nachhall im Kopf. Dann roch i’s auch. Rauch. Echta Rauch. Vom Keller her.
I stürz nunder, zwei Stufen, drei, und dann seh i, es is nix verbrannt – bloß der Duft vom kalten Leinöl, das i vor Wochen auf des Holz gesetzt hab. Aber drüber liegt a anderer Geruch, wia alte Haut und Zeit. Und – ja – a Ton, kaum hörbar: drei–zwo.
Erinnerung und Frost
Ich setz mi auf die unterste Stuf, der Atem dampft. In mei Brust kämpft sich die Müdigkeit mit der Wachsamkeit z’samm. A seltsame Mischung, fast tröstlich. Ich denk an Anna und an ihre Hände, immer voller Staub vom Filmschneiden, wie sie dabei gsagt hat: „Jeder Schnitt is a Versprechen.“ Und i begreif jetzt, des war kein Spruch, sondern a Warnung.
Oben knarzt des Holz, als tät wer über’n Boden gehn. Net schwer, bloß a Schritt oder zwo. I ruf nauf: „Bist du da?“ Natürlich kommt ka Antwort. Aber irgendwo zwischen den Fasern der Dunkelheit schwingt wos, das wie Zustimmung klingt.
„Schau genauer hin.“ Der Satz hallt in mir, wia zwo Bilder, die leicht versetzt montiert sind. Wenn i’s nur endlich versteh tät.
Letzte Szene vorm Schnitt
Es is spät word’n. Schneestaub hängt in der Luft, der Himmel druckt auf die Dächer. Ich geh noch einmal zum Fenster – seh die Spur draußen, jetzt fast zugeschneit. Nur des Rot blitzt noch, leise, sacht, wie a letzter Rest vom Leben. Ich nehm des Filmbandstück, halt’s gegen des Licht. Da sind winzige, fast unsichtbare Kratzer drauf, die sich zu Zeichen formen: Zurückspulen.
I lächle bitter. Ja, wenn i könnt. Wenn ma des Leben so einfach zurückspulen könnt wia an Film. Aber jeder Versuch würd bloß die Kratzer tiefer machn. Und doch weiß i, dass i’s probieren werd.
In der Ecke surrt der Projektor, ganz von selbst. Drei Klicks, dann Schweigen. I geh hin, seh ins Leere – und plötzlich fällt a einziger Schneeflock auf die Linse, schmilzt sofort. Für a Sekunde denk i, i hör sie flüstern: Keller… verzeiht net.
Der Wind hebt an, draußen in der Gass. Des Holz ächzt. Und i steh da, eingehüllt in Licht und Kälte, und wart. Wart auf des nächste Zeichen, oder vielleicht bloß auf an neuen Anfang.
Der Atem zieht in dünnen Fäden aus mir raus, und über’m Inn liegt a Schimmer, wia a alter Film, der grad neu entwickelt wird. Und irgendwo dahinter, glaubt i, lacht ganz kurz jemand – fast warm, fast vertraut.
Doch dann is wieder Stille. Nur des Holz atmet weiter.
Bissl grantig, a bisserl sexy – deine Wochenration onlyLeberkas direkt ins Postfach.