Am Fluss – Nachmittagshitz
Der Inn glitzert wia a blankes Messer, oida. Dreißig Grad, und i gehör zua Sorte Mensch, de scho bei zwanzg flucht. Kein Wölkchen, bloss des klamme Surren vo de Insekten und des dumpfe Gluckern unter’m Wehr. Des Wasser geht träge, aber irgendwas vibriert – so fein, dass ma’s fast nicht merkt. I steh drobn auf da Brückn und schau eine Ewigkeit owe. D’ Sonne sticht, Schweiß rinnt. Mei, i sog da, Hitze is schlimmer wia an Wintertod.
Hintn beim Pumpenhäusl des brummt leise. Mia is, als würd des Geräusch in da Luft stehen – wia an unsichtbaren Motor. Und mittn in dem Summen blinkt kurz was Rotes auf, drei Mal hintereinander. Dann nix. I zwinkere. Noch amal. Wieder drei Blink. A Zahl? A Warnung?
„Schee, dass d’ wieda do bist“, sagt plötzlich ana hinter mir. Da Fischer. Ka Ahnung, wos der in der Hitz do macht. Hut tief im Gsicht, Hemd zerknittert, Oida, als wär er grad ausm Wasser steig’n.
„Wos lafft heit?“, frag i.
„Alles, wos net laffa soll“, meint er nur und grinst schief. „Raum sechs, hast g’hört? Der is fei offen.“
I nick bloß. In mir druckt sich alles z’samm. Raum sechs. Anna hod g’sagt, beim Wehr. Na guat.
Ein leichter Windstoß kommt auf, so schwach, dass nur da Brückengeländer a bissl zittert. I schau zum Wald drübn, wo des Licht in den Blättern spitz tanzt. Für an Moment is ruhig, fast idyllisch. Doch i spür de Unruh. Ois wia aufgeladn. I denk an Annas Blick, damals, kurz bevor’s verschwunden is. Sie hod g’sagt, des sei wia an Tunnel, nur dass ma net weiß, wo’s rausgeht. Vielleicht hat’s mit dem Wehr z’tun. I bin koa Forscher, nur a G’scheiter Grantler mit zuvui Erinnerung. Aber irgendwas bindet mi zruck. Vielleicht is’s die Hitz’, vielleicht a des Summen da unterm Holz.
Beim Weggehen hör i den Fischer no: „Wenn’s zu summen anfängt, Kramer, bleib net steh’n.“
I heb kurz die Hand, wia zum Gruß, und geh weiter in des grelle Licht. Der Asphalt dampft. Und in mein Ohr klingt’s, als hätt des Wasser selber Stimm.
Immer im selben Rhythmus: drei–zwo–eins.
Beim Wehr
I geh owe, über de Stufn, bis zu dera Betonrampe, wo’s Wasser drunterdurch zischt. Es is dumpf, heiß, herbeißlert no vom Algen und Eisen. Unterm Gitter surrt was – wia a Stromleitung, leicht metallisch. I duck mi, leg mein Ohr numa. Für an Moment mein i, a Stimme zu hör’n: so nah, dass ma glaubt, sie kimmt aus’m eigenen Kopf.
„Kramer… bring’s Licht zruck…“
I zuck z’samm. Anna? Des Funkgerät hockt eh in meiner Jackentaschn. I dreh’s auf, bloß Rauschen, damischer Ton, wia Wind im Draht. Dann, ganz leise: „Drei…zwo…eins… Vorbereit’n.“
I steig zruck, stolper fast. Vom Wehr reflektiert’s Rote ins Wasser, hell wie an Filmstreifen. Drei dunkle Punkte scheinen in der Spiegelung, in einer Linie. Linse, sag i mir innerlich. Linse 36E… Leitner hat’s sicher hier probiert. Der alte Fischer steht oben, ruft: „Umkehr, Bua, jetzt kemmt’s!“
„Wos kemmt?“ schrei i zrugg.
Er hebt nur den Arm Richtung Sonne. „Des sechste Auge schaugt auffe.“
Verdammt.
Die Oberfläche vom Inn zeigt für a Sekunde lang a Art Muster, kreisförmig, wia wenn sich Wellen net weg-, sondern zammziehn würdn. I kann nix andres machn, als hinzustarr’n. Des Summen wandert durchn Boden, durch meine Schuahsohlen, direkt in den Bauch nei. De Welt ringsum zittert ein ganz kleines Stück, und i denk mir: Jetzt? Genau jetzt würd jeder normale Mensch davonlaffa. Aber i bleib.
Da Schatten vom Wehr is plötzlich kühler. I geh ein Stück seitlich, und da find i zwoa abg’sprungene Ziegel in da Mauer. Dazwischen steckt an alter Zettel, durchnässt, vom Wind flatternd. Handgeschrieben, kaum lesbar: „Lichtphase – nur bei spiegelndem Wasser. Nicht berühren.“
I reiß ihn halb raus; Papier reisst. Und darunter blinkt’s wieder – drei Punkte, synchron, fast freundlich. I red leise: „Bist du do, Anna?“
Nix. Bloß Wind.
Dann klatscht’s Wasser plötzlich härter gegen’s Gitter, und i hör in dem Tosen fast an flüchtigen Ton, so menschlich, dass’s mi kalt über’n Nacken läuft. „Kramer…“
Oben auf der Brückn fliegt an Reiher vorbei, groß, majestätisch. Für an kurzen Moment folgen de drei roten Punkte seiner Flugbahn. Dann san’s weg, und des Summen verstummt. Bloß des Tropfa vom Schweiß bleibt, und a G’spür von irgendwas, des glei wieder losbrechen kimmt.
D’ Erinnerung
Da Gedank zieht mi zruck – zwoa Sommer her. Auch so a Hitz. I bin damals mit Anna am Wehr g’standn, sie hod Notizbüchl und Linse g’habt, i bloß a Flascherl Wasser. Sie zeigt auf’s Flirrn überm Strom und sog: „Des is koa Luftspiegelung, des is a Echo. Der Ort da, der spielt in a andere Zeit.“ I hab g’lacht. Damals hab i no glauben wollt, dass sie narrisch is. Heut bin i selber da.
Ihr letztes Wort, bevor’s im Licht verschwunden is: „Wenn d’ hörst, wie’s atmet – rühr nix an.“
I hätt drauf hören sollen.
Beim Gasslbräu
Spätnachmittag. Heiß wie im Backrohr. Resi stellt mir a Halbe hent’n hin. „Du schaust z’hausig aus, Kramer, bist wieda bei deine Spinnereien g’wesen?“
I grins schwach. „Bloß a bissl Analyse vorm Wehr.“
„Analyse? Mei, du redst scho wia da Leitner früher. Der hod aa gmeint, dass des Wasser redt, und dann…“ – sie hält inne, schaut eine Sekundl zruck zur Küche. „Dann is er verschwunden, gell?“
„Wos woa damals?“, frag i.
„Mir hom’s in da Zeitung glesn: Funkaussetzer, a Lichtsignal, und sei Name in an Laborbuch, des nie wer gfundn hat.“
I nehm a Schluck. Des Bier rinnt, aber i schmeck nix. Draußen glitzert no immer des Rot. „Des System“, murmel i, „hat g’sagt: Vorbereitung.“
Resi legt die Hand auf’n Tisch. „Dann pass auf. Und stör nix, verstehst?“
I nick. Fei sachte.
Da alte Sepp hockt zwei Tisch weiter, murmelt: „Bald dreht’s um. Erst Nummer fünf, dann kehrt’s um.“ – I hoff, des hod nix mit mir z’tun.
Die Kellnerin schaut zwoa Mal raus zum Fluss, dann zu mir: „Du, Kramer, da Fischer war grad da. Hat g’sagt, du sollst net dogehn, bis’s finster is. Er kimmt eh wieda.“
„Wos red’n alle vom Kommen?“
Resi zuckt mit de Schultern. „Vielleicht mei’m Alter. Wenn’s arg heiß is, red’n Leit gern g’spenstisch.“
Aber dann hör i’s, ganz dumpf, durch die halb offene Tür: a langes, tiefes Grollen vom Wehr her. Net laut, aber rhythmisch. Die Gläser im Regal klimpern leicht. I schau zur Resi, sie merkt’s a und sog halblaut: „Des is jetzt neu.“
I nehm meine Halbe, trink aus. „Wenn da Fischer wieda kimmt, sog ihm: I hab verstand’n.“
Sie nickt ernst. „Aufbruchsstund, gell?“
„So sagn ma halt, ja.“
Wie i rausgeh, schnalzt da Wind über die leeren Bänke, trägt a Fetzen Zeitung durch d’Gassn. Auf’m Kopf vo de Schlagzeile blinkt kurz an Lichtreflex – drei Punkte. I tret drauf. Des Papier is staubtrocken.
Dahoam
Dahoam in da Kuchl, das Fenster offen, Luft steht wia an feuchtn Lappen. I nehm de Linsen aus’m Beutel, leg’s aufs Tischtuch. B–D–E. Des Muster schaut jetzt aus wie a Kreis mit Zacken außenrum – fast wia Iris. I hol des Funkgerät, dreh a weng am Rädchen. Erst Rauschen, dann klackernd, drei Puls: fünf–null–eins. Des is neu.
Dabei bewegt si wos. Die Linse 36E wackelt leicht, dreht si – als wär Wind drin. Aber alle Fenster san offen, da Wind is heut schlaff. Dann projiziert si a feines rotes Muster an d’Wand. Kreise, in Kreisen. Drunter: „Knotenpunkt eröffnet“. I schluck. Hör Annas Stimme wieder: „Zum Wehr, Kramer. Betritt den Punkt, aber bring nix mit, was lebt.“
„Wia soll i des auslegen?“ murmel i. Doch si lacht bloß, ganz leise, hiaßt fast traurig.
Draußen zieht a einziger Windstoß durch, a heißer. Dabei flirrt’s Licht – und an der Wand, ganz kurz, öppnet sich a dünner Riss, wia aus Spiegelsilber. Des summt, wia wenn da Strom durchgeht, aber es is stille.
In da Stille fang i zum Reden mit mir selber o. „Also gut, Kramer. Was host? Drei Linsen, a Funkgerät, und a Riss, der ausschaut wia a offane Wund.“ I setz mi auf’n Stuhl, greif zum Schreibblock. Auf der ersten Seit schreib i fett hin: Beobachtung statt Glaube. Aber des schaut plötzlich lächerlich aus. I reiß die Seit wieder raus.
Dann tut si draußen a Schattn rührn – irgendwer steht vorm Fenster. Nur Umriß. I geh hin, aber da Rahmen flirrt leicht, wia flüssigs Metall. Als i d’Hand draufleg, zieht a leichter Druck durch d’Finger, so a zartes Saugn, als ob des Glas atmet. Und da hintere Raum im Haus summt im gleichen Takt.
Unten im Keller scheppert leise a Metallstangn. I geh runter – Stufn quietschen, Luft wird kühler. Auf halber Höh zieht a Lüftl von unten auffe, ganz warm. Da Keller is eigentli trocken, aber heut dampft er, wia a altes Badhaus.
Mittn im Raum, zwischen Werkzeug und Glasflaschl, hängt in der Luft a dünner Faden aus Licht. Rot, vibrierend. Er führt zur Wand, verschwindet in a alte Leitung. I hock mi, leg d’Ohr hi – und hör Worte, ganz dumpf, fast als ob irgendwer auf der andern Seit von der Leitung redt: „Sechs läuft noch unsauber.“
„Wer spricht do?“ sag i halblaut.
A kurze Pause, dann: „Knotenpunkt stabilisieren. Nur einer übrig. Nur du.“
I weiche zruck. Des Funkgerät in meiner Jackentaschn fängt o zu glüh’n, schwach, aber echt. I leg’s auf’n Boden, es sendet selber: „—eins—“. Glei drauf schaltet’s ab.
I hock da, eingehaun in a rote Dämmer. I sollt fort. Aber fort wohin?
Beim Riss
I streck de Hand aus, oiwei zögerlich. Haut riecht nach Metall. Der Riss pulsiert, als würd er atm’n. Im nächsten Moment klingt’s wia an tiefen Glockenschlag – aus’m Wasser, unter mir. Und durch den Spalt schimmert a Licht, wia ausm alten Film. Innen sieh i schemenhaft a Gestalt, roter Schal, Bewegn gegen mi. Vielleicht ruft sie, aber i kann’s net verstehn.
I reiß d’ Hand zruck. Des Ganze zuckt, rauscht, verschwindet. Nur des rote Nachleuchten bleibt an der Wand. Und a Wort, kaum lesbar, scheint nach: „Sechs läuft“. Wieder. I hau des Funkgerät aufn Tisch. Aus. Fertig.
Bloß dann bin i still. Weil aus’m Keller zieht des Summen nauf, monoton, hypnotisch, wia a Atem. Und i weiß: da unten geht jetzt wos an. Raum sechs… läuft.
Der Wind draußen legt kurz zu, wedelt die Vorhang eahna, und irgendwo klackt eine Tür.
Heit Nacht, sog i mir, geht’s nimmer ums Zuschauen.
Da Nachtwind
Später, mitten in da Nacht, wach i auf, weil des Summen in a tiefer’n Ton g’falln is. Wia a Motor, der jetzt wirklich lafft. I geh barfuß in d’Kuchl. Mond hell, Himmel milchig. D’Wand, wo der Riss war, glimmt leicht nach, als hätt wer a Kerz hinter d’Tapetn steckt. I setz mi, greif zum Glas Wasser. Und genau in dem Moment, wo i trink, merk i, dass’s Wasser pulsiert – sachte, aber synchron zum Atem ausm Keller.
„Na, jetzt reicht’s“, murmel i. Zieh mi schnell an, pack die Linsen ein und stapf owes. Und unten? Da Dampf is stärker word’n. A feiner, roter Nebel hängt zwischen de Regalbretter. Als i in die Mittn geh, vibriert des Bodenbrettl leicht, und a Knistern geht durch’s Holz.
Mich packt a Mischung aus Angst und Neugier, des geht tief eina. I heb des Funkgerät in d’Luft, schalt’s on. Da rote Kreis dreht si, dann Annas Stimme: „Bist du bereit?“
„I woaß ned, wofür.“
„Für des, wos du eh scho angefangen host.“
Des Atmen wird schneller. I spür de Hitze ansteigen – net, weil draußen Sommer is, sondern, weil irgendwas sich öffnet. Wieder der Riss, diesmal unter’m Boden. De Linse 36E fällt aus meiner Hand, klirrt, aber bleibt heil. Sie strahlt. I duck mi, leg sie aufs Holz, direkt über die Stelle, wo da Ton am stärksten is.
Dann a kurzer Blitz – rot, grell. Und mit einmal is Stille. So rein, dass i fürcht, i bin taub word’n.
I schau auf: de Wand, d’Decke, olls scheint sich leicht zu biegen. Im Mittelpunkt der Linse schwebt a winziga Glaskugel, kaum größer wia a Aug. Und drinnen, glaub i, bewegt sich Licht. Es dreht, zieht Bahnen, formt Konturen. Für a Sekunde wie Annas Gesicht. Dann löst’s sich wieder in Wellen auf.
I flüstere: „Raum sechs.“
Die Kugel reagiert, kippt, rollt Richtung Riss an der Wand. Der Riss öffnet si a Spalt, gleimäßig. I folg dem Ding, Schritt für Schritt, bis ma wieda in der Kuchl steh. Da Wind hat sich g’legt. Bloß das zittrige Licht tanzt an der Wand.
Dann – a Stimme. Lauter, klarer: „Wenn d’ eig’n Atem spürst, Kramer, dann bleib. Net wegrenn, diesmal net.“
I bleib. Schau, wie d’Kugel sich im Riss verliert und a schweigsame Glut hinterlässt. Und i denk mir, vielleicht is jetzt tatsächlich was zruckgebracht. No ned Licht, aber vielleicht a Anfang.
Von unten klingt’s nimmer wia Summen, sondern wia a leises Pochen.
Der Morgen kummt bestimmt, nur ob i dann no hier steh, des woaß i net.
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