Am Fluss
Der Regen prasselt bloß leicht, so ein feiner Niesler, der sich auf alles legt, wia Staub ausm Himmel. Drei Komma drei Grad, sagt des Radio, aber mei – mei Gsicht hätt’ des eh gspürt. I steh unten an der Ilz, der Schnee vom Vortag is halb gschmolzn, halb gefroren. Und unter dem Eis schimmert wos Rotes, des i nimmer ignorieren kann. Oida, des flackert – wia a Puls.
I duck mi, schau näher hin, und da – eine Bewegung. Ned groß, mehr a Schimmer, wia wenn jemand von unten an die Oberfläche tippt. Ganz still, nur der Wind summt. Dann ein Klicken, metallisch. Des Gleiche wie damals, am Steg. I sog da, i kenn dieses Gspür – wia wenn der Film nimmer Film is, sondern a offener Mund.
„Kramer?“, ruft einer hinter mir. Zwickl. Steht mit’m Fischer in der Gass, beide durchnässt. „Host wieda de Kamera dabei?“
I heb bloß den Schlüssel, 36A, zwischen zwoa Fingern. „Heit brauch i koa Kamera. Heit schau i mit meine Aug’n.“
„Du spinnst, Kramer“, sagt der Fischer leise, „der Fluss gibt zruck, wos ma ihm ausg’liehen hat. Und manchmal, oida, is des z’viel.“
Der Regen nimmt leicht zua. A zähe Kälte zieht mir in d’Händ, obwohl i sie tief in d’Jacke drück. Der Zwickl bleibt noch a Moment, kippt leicht sei Kapp’n, als hätt er wos gmerkt, das i ned sehen sollt. Dann drehn s’ um und verschwinden den Pfad entlang, mit langsamem G’ratsche auf’m Kies.
Ganz leise, wenn’s Wind grad aufhört, hör i wos Wabern von unterm Eis. A tiefes, dumpfes Beben, kaum wahrnehmbar, aber’s is da. I nehm an Stein, werf ihn, seh, wie die Wellen sich eigensinnig ausbreiten, fast geometrisch. A letzte Welle trifft den Steg – dort, wo der Metallton herkam – und verhallt.
„Da wirst no hi müssen“, murmel i. I red scho wieder mit mir selber. Gschmeidig is des nimmer, was da unten treibt. Doch wos soll i machen? Nochmal wegschaun? Des Gfui, dass da wos durch mi schaut, wird stärker, ned schwächer.
Die Erinnerung
Kurz bevor i geh, taucht’s wieder auf – des alte Bild in mir, von der Brücke vor sechs Jahr. Der rote Schal, nass am Geländer, und i, der denkt, dass Farbe nix is als Materie. Damals hab i Film gemacht über Spiegelungen im Wasser. Und Anna hat g’lacht, hat g’sagt, i soll endlich a Geschichte suchen, wo des Herz drin steckt. Oida, hätt i damals g’wusst, was des heißt.
Die Ilz, die war immer sauber unnahbar. Jetzt aber: a lebendig Wias, das dich anschaut. Und i schwör, ich hab gsehn, wie unterm Eis sich was bewegt – wia’s atmet.
Der Keller atmet
Wia i z’Haus kumm, dampft der Mantel in der Luft. Da Keller riecht feuchter als sonst – er lebt, fei. Der Wind durch den Spalt in der Kellertür klingt wia a Atmer. Der Schlüssel passt, freilich, aber des Schloss… des is anders geworden. Gschmeidiger. Wia wenn’s glernt hätt, dass i komma werd.
Ich sperr auf. Rinnsälze vom Schnee rinnen über den Boden. Im Spiegel, den i letzte Woche verdammt hätt, seh i diesmal nix Halb’s. Anna steht komplett drin. Nur – ihre Bewegung läuft rückwärts. Sie hebt die Hand, aber des is schon passiert. A Zeitspiegel, wia ma sagt.
„Der Schnitt ist deiner“, haucht sie, aber diesmal klingt’s ned nach Echo, sondern nach Nähe. Dann a Ton, dumpf. Der Projektor – obwohl ich koa Strom gsteckt hab – fängt an zu summen.
„Anna?“ Doch de steht still, schaut an mir vorbei. Ich dreh mi um. Gegenüber im Echtkeller, dort wo die Vorratskammer is, bewegt sich wos. Ned groß, a Schatten. Die Wand reflektiert des rote Pulslicht wieder. Mei Herz hämmert.
Langsam geh i in die Vorratskammer. Des Summen wird lauter, rhythmischer, als würd einer Film durch a Gerät ziehn. Auf’m Regal liegt der alte Rollfilm, den i seit Monaten nimma angerührt hab. I nehm ihn in die Hand – und er is warm. A dumpfes Pochen in ihm drin. „Was zum…“ fluch i leise. Dann hör i im Spiegelklang Annas Stimme, flüsternd: „Nicht schneiden. Öffnen.“
I schau zum Spiegel z’ruck. Die Szene dort is anders. A Keller – ned meiner – schmäler, mit Eisenrohren an der Decke, alles blinkt leicht. Und in der Spiegelmitte: des Bild von der Ilz, wie vorhin, nur dass der Nebel höher steht. I seh mich selbst drüberlehnen, und hinter mir, im Spiegelbild, steht wieder der Mann mit’m roten Schal. Nur diesmal trägt er kein Gesicht mehr.
„Scheiß drauf“, murmel i, und schalt den Projektor aus – erfolglos. Er läuft weiter, aber jetzt anders: er zieht Luft ein. So spür i’s, als würd die Maschine atmen, synchron mit’m Wind durch’n Türspalt.
Draußen klatscht Regen an d’Kellerfenster, und plötzlich riech i nassen Stoff – wia Annas Mantel damals. Ein Schatten gleitet über d’Glühbirne, und für’n Moment denk i: Vielleicht war sie nie fort, nur verschoben.
Ich geh rauf, lass die Türe offen. Widersinnig, i wiss. Aber irgendwas im Raum will’s so. De Luft steht, angespannt, wie vorm Donnerschlag.
Beim Wirtshaus
Später, im Gasslbräu. Wenn i ehrlich bin – i bin nur dagewesen, weil i net daheim bleiben wollt, wo’s atmet. Resi wischt den Tresen, gell grantig, wie immer. „Schaut schlecht aus, Kramer. De Brücke is wieda g’sperrt.“
„Warum?“
„A Frau hat wos gsehn. Sagt, der Rote war drobn. Mit einer, die net gredt hat.“
I heb mein Glas, tu, als würd i nimma hinlosn. Aber Resi beugt si bissl vor. „Und jetzt pass auf: kurz danach – Lichtflacker am Pumpenhäusl. Drei-Zwo.“
„Des Signal?“
„Jo mei, wos sonst?“ Toni steckt sei Kopf durch d’Küchentür. „Sagst du ihm ned, dass der Alte wieda g’schaut hat?“
„Wos für’n Alte?“ fragt i.
„Der Pförtner. Kam auf’m Radl. Hat an Umschlag daglaš’n. Für di.“
Ich nick nur, zahl net mal richtig, sondern leg bloß zwoa Euro hin. Die Luft im Wirtshaus is warm, fettig, vertraut. Trotzdem zittern mir die Finger, wie bei Frost. Am Stammtisch hockt da Leitner, halb schläft, halb hört zua. I spür seinen Blick, wia er wissn will, ob i wieder am Spuk nachrenn.
An der Türe bleibt i stehn. Hinter mir sagt Resi leiser: „Kramer – manchmal is’s gscheider, ma lasst die Toten da, wo’s ruahn.“
„Wenn s’ ruahn täten“, antworte i nur. Draußen riechts nach Öldampf und Regen. Der Altenpförtner? I hab den seit fünf Jahr nimmer gsehn. Wie kann der a Umschlag bringa? Des legt si tief in mei Magen.
Der Weg heim
Auf’m Heimweg zieh i d’Jacke enger. In der Gass steht nebliger Dunst, und in dem, leicht verschluckt vom Straßenlicht, hockt a Katze, nass bis’n Buckel. Sie starrt mi lang an, bevor s’ plötzlich faucht und nüber ins Dunkel springt. In dem Moment meint i, in der Luft so a Summen z’hörn – wia aus’m Keller, leiser, aber rhythmisch. Dreimal kurz, zweimal lang. Drei-Zwo. Des Signal. Vom Pumpenhäusl. Des zieht ma des Herz z’samm, als hätt i’s nie verlernt.
Da war was, vor zwei Jahr, kurz bevor Anna… I wollt nimma dran denken, aber’s kommt eh. Sie hat gsagt, das Flackern sei a Sprache. „Wenn du’s richtig siehst, Kramer, dann redet’s mit dir.“ Ich hab gelacht, sie hat gschwiegen – des war der Anfang vom Ende.
Da Umschlag
Zuhause tropft der Regen an die Scheibe. Der Umschlag liegt auf’m Tisch. Kein Absender. Nur a Fingerabdruck in dunkler, roter Tinte. Ich reiß auf – a Foto drin. Mein Keller. Aber anders. Der Spiegel steht offen wie a Tür, und hinter ihm – erkennt man de Brücke bei der Ilz. Ganz vorn am Geländer: der Mann mit’m roten Schal. Und direkt daneben: i selbst, im Profil.
Ich spür, wie mir kalt wird, richtig kalt. Der Regen zieht jetzt wie Nadeln durch den Spalt am Fenster. Von irgendwo her hört man des metallische Surren wieder, wia an Filmabzug.
Der Schlüssel in meiner Hosentasche klirrt – und i schwör’s – bewegt sich. Von selber.
I fass neigierig hin. Die Kälte brennt an den Fingern, wia Strom. Des Foto liegt noch offen. Dahinter a zweites Blatt, ganz feine Schrift: „Schneid den Ton. Lass die Bilder.“ Der Satz sieht aus, als wär er mit’m Fingernagel eingeritzt, ned gschriebn. Ich riech Metall.
Langsam leg i den Schlüssel aufn Tisch – ganz, dass er ruhig liegt. Doch er rollt in einer Linie, zielstrebig. Immer genau zur Kellertür hin. I klopf mir an die Stirn. „Jetzt hör auf, Kramer. Du bist ned im Film.“ Trotzdem geh i hin.
Als i d’Händ am Türgriff hab, merk i, wia sich der Boden leicht bewegt. A tiefes Grollen irgendwo ganz drunten. Die Lampe flackert, und für an Sekundenteiler spür i, als würd ma einer auf die Schulter tippen. I dreh mi um: nix. Nur des Foto am Tisch, das jetzt leicht feucht is. Vom Regen? Ich weiß nimmer.
„Schneid den Ton…“ I wiederhol’s, so halblaut. Vielleicht is des a Hinweis. Als i den Deckel vom Recorder heb, flackert von draußen des Licht – drei kurz, zwei lang. Wieder dasselbe Signal. I horch. Danach Stille. Nur a Tropfen fällt. Und ganz hinten, im Haus, wia ausm Rohr, a dumpfer Zug, wia ein Atemzug.
Rot unterm Eis
Draußen glänzt der Fluss. Das rote Licht durchbricht kurz die Oberfläche. Ich geh hinaus, obwohl jeder Gscheite jetzt daheim bleiben würd. Der Wind zerrt, Wasser tropft vom Damm. Ich seh die Gestalt wirklich dort stehn – die mit’m Schal. Und nebendran, reglos, die stumme Frau, Gesicht bleich, fast durchsichtig. Beide schaun sie mich an, als hätten’s lang drauf gwartet.
Dann a Ruck, die Ilz zieht an, und was immer da drinnen war, flackert in kurzen Bildern, wia in Schlüsselframes. Anna, Leitner, ich. Und ganz hinten, im roten Dunst – a Gestalt, die i noch nie gsehen hab.
„Noch offen“, sagt eine Stimme. Metallisch. Direkt hinter mir. I dreh mi um… nix, nur Regen.
Dann bleibt des rote Licht stehen. Wie eingefroren im Eis. Und ich versteh plötzlich: der Schlüssel schließt ned die Tür. Er hält sie offen.
Und irgendwer drückt gerade von der anderen Seite dagegen.
Der Augenblick danach
I bleib stehen, halb gebückt gegen’n Wind, der mir den Regen ins Gsicht peitscht. Des rote Leuchten wird still, niedergeschlagen unterm Eis, als würd’s auf mi wartn. I hör in der Ferne das Krachen vom Gebirgsschnee, wia a Uhr, die zu spät tickt. Meine Finger spüren kaum no was, aber i greif in d’Hosentasch’n. Leer. Der Schlüssel is weg.
I such, tast im Matsch, zwischen altem Gras und Kies, aber nix. Nur a Spur – kaum sichtbar – wia eingedrückte Dreiecke im Boden. Drei kurz, zwei lang. Merkwürdig, i weiß. Aber jedes Mal, wenn i langer hinschau, veränderts sech. Es schaut plötzlich aus, als wär’s Schrift.
„Des kann ned sei“, sag i laut. Und die Stimme vom Wasser antwortet dumpf, zäh: „Doch.“
Die stumme Frau bewegt endlich de Lippen. Ganz leicht nur, aber i seh’s: Sie formt Annas Namen. Zurückbleibt a Nebelhauch, der sich an meiner Wange legt. I spür nix – und gleichzeitig alles.
Im Moment, wo i den Blick heb, is die Frau nimma da. Nur der rote Schal bleibt im Wind hängen, flattert kurz, dann löst er sich auf, als wär er nie aus Stoff g’wesen.
I zögre. Irgendwo im Dorf bellt a Hund, dann Stille. Des Wasser steht stiller als sonst, schwer und gläsern. Ich will mi umdrahn, aber’s zieht mi z’ruck. Da is a Kraft, unsichtbar, die mochd, dass i ned geh kann. Der Boden vibriert leicht.
Aus’m Nebel a dumpfe Gestalt – oder ihr Spiegel – steigt raus. Keine Bewegung, nur Form. Und hinter ihr flackert’s wieder: drei kurz, zwei lang, diesmal in tiefem Rot, wia Pulsadern im Eis. Sie weist auf des Wasser, dann auf mi.
„Offen“, wiederholt die metallische Stimme, jetzt näher, fast schmeichelnd. A Klang, als würd a Filmband reißen.
Ich hock hin, fast kniend. Da seh i’s. Unter der Eisdecke schiebt sich was Dunkles, und kurz bevor’s gänzlich verschwindet, seh i a Umriss, vertraut, unheimlich: Anna. Ihre Hand drückt gegen die Unterseite vom Eis, ihr Ring glitzert kurz. Dann Stille. Nur i bleib, mit offenem Mund, und der Luft, die zamfriert im Hals.
Langsam geht i z’ruck, Schritt für Schritt. Vom Fluss weg, den Berg rauf, durchs Gestrüpp. Hinter mir hört i kurz des Knacken, wia wenn Eis auseinanderbricht. I trau mi ned zum Umschaun. Oben, beim Weg, steh i endlich. Der Wind hat aufgehört, die Nacht riecht nach Eisen.
Da Schlüsselträger
Daheim, spät. Ich sperr die Türe, aber nix klingt wie sonst. Jeder Klick, jedes Scharnier klingt hohl, als wär alles nur Fassade. Ich geh in den Flur, tret ans Fenster. Da draußen – rote Punkte im Schmelzwasser, leicht pulsierend. Ein Muster. Drei kurz, zwei lang. Immer no.
Im Spiegel in der Diele seh i mei Gsicht, blasser denn je. Die Augen – fremd. Hinter mir im Spiegel der Keller, offen, obwohl i zugesperrt hab. I spür’s ohne hinzusehen. A kalter Lufthauch zischt durch d’Fugen, bringt a Flackern ins Lampenlicht.
Ich heb die Hand, wie Anna vorher. Im Spiegel greif i auf die falsche Seite. Mein Spiegelbild lächelt kurz – i selbst? – und dann fällt’s Licht aus. Nur des Glühen bleibt. Und aus’m Dunkel ein Flüstern: „Noch offen.“
Da wach i so richtig auf. Der Schlüssel liegt auf’m Boden direkt vor meim Füaß. Blumiger, fast lebendiger Glanz in seinem Metall. I heb ihn auf. Er vibriert leicht. Da is sie wieder, die Kälte, aber stärker. I leg ihn in die Brusttasch’n, fest, bleib stehn.
Kein Regen mehr. Nur sacht fällt Schnee draußen. Des Leuchten vorm Fenster wird schwächer, zieht sich zamm, wia a letzter Atemzug. Und zwischen zwei Pulsschlägen hört i, ganz deutlich, dass einer, ganz in der Nähe, zurückdrückt.
Und i glaub, i weiß endlich, von welcher Seite.
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