Da Wind steht schief
Der Tag war trüb, oida. Die Sonne – wenn’s die überhaupt noch gibt – hat bloß wie a blöder Lichtfleck hinter’m Dunst gehockt. In Passau hat’s wieder g’summt, irgendwo tief unten im Gemäuer vielleicht, oder in mir selber. Ich bin nimmer sicher. Der Spiegel im Keller steh no immer schief ang’lehnt, die Kanten rot glimmend, als hätt er Lust, mich wieder reinzuziehn.
I hab mir a Bier aufgmacht, rein aus Trotz. Wenn’s nix nutzt, schad’s aa ned. Und i sag da ehrlich: der Wind, der heit daherzieht, fühlt sich ois Rückweh an. So, als ob er net recht wüsst, aus welcher Zeit er kimmt.
I bin zum Fenster, hab den Dunst beobachtet. Die Berge dahinter warn bloß Schatten aufm Schatten. Und da hat’s mir kurz so vorkomma, als dreht sich der ganze Horizont a bisserl – ned schnell, aber zäh, fremd, so, dass ma’s grad so merkt, wenn ma still steht. Mei Opa hätt g’sagt: „Des is a Vorzeichen, Bua. Wenn d’Luft so steht, geht was auf oder zua.“
Funken im Keller
Ich steig nauf, Taschenlampe im Maul. Das Funkgerät blinkt – „Leitner“, rauscht’s, dann a tiefe Stimme: „Subjekt stabilisiert… 7B aktiv.“ I konnt fast schmecken, wia mir das Blut gefriert.
„Leitner!“, schrei i nei, „wer bist du wirklich?“ Pause. Dann flüstert’s den Satz: „Schau unter die Markierung.“ Funk aus.
Unter der Werkbank, gleich neben der alten Filmdose, war a Kreidestrich. Dünn, kaum sichtbar. Ich kratze drunter – Metall. A Plättl, eingraviert: „7B – Rückpfad Hausbereich“. Und zack, als ich’s anlüfte, schnarrt der Spiegel kurz auf, wia a Fernseher ohne Sender. Oida, i schwör’s, für a Sekund hab i mich doppelt gsehn – aber der andre war ruhiger. Verschmitzt. Und er hat g’lächelt.
Alte Stimmen im Beton
Ich bin hockblieben, mitten im Keller, wo’s nach Öl und Staub riecht. Das Funkgerät war still, nur der Stromzähler hat leise geklickt, so regelmässig, als müsst er mitzählen, wie lang i schon zweifel. Da hab i mir die Taschenlampe wieder in d’ Hand gnommen und den Spiegel abgeleuchtet. Der Rahmen hat geflimmert – nicht stark, eher wie heiße Luft. Mir war, als würd was hinterm Glas atmen.
„7B…“, murmel i. „Was is denn ’s A, B, C, D, E, F, G davor? Und was kommt danach?“
In dem Moment, als mein Finger das Metallplättl wieda berührt, war’s, als hört i aus’m Glas a Echo, ganz leise, dumpf, zwei Laute, vielleicht a Name: „Kra-mer…“ – ganz langsam, so als würd wer üben, meinen Namen zu sagen.
„Bist du des, Leitner?“, frag i. Und dann, ironisch: „Oder bist du i?“
Keine Antwort. Nur a feines Knacken, so wie Eis im Frühling, wenn’s grad bricht.
Später am Abend, wie i das Licht abgedreht hab, hat sich der ganze Raum angefühlt, als wär er nimmer ganz da. Als würd der Boden einatmen, aber das Haus net ausatmen könna.
Ich hab g’merkt: Der Wind oben am Dachfirst hat die Richtung g’wechselt – Nordost. Und damit is a jed’s Blatt am alten Birnbaum schiefg’hängt.
Wirtshausgschichtn
Am Abend bin i zum Gasslbräu. Resi hat glei gmerkt, dass i nimma ganz normal bin. „Du schaust aus, wia da Strommast nach’m Blitzschlag. Was hast denn wieder angstellt?“
„Gar nix“, sog i, „bloß an Spiegel ang’grinst.“
Sie legt den Kopf schief. „Hast zruckg’grinst?“
„Na, der zuerst.“
Da Sepp mischt si ein. „G’Himmelsack, Kramer, i hob gsagt, lass d’ Händ von dem Rückpfad. Des is aa bloß a Versprecher vom Tod.“
„Du redst fei a wia a Prophet auf Urlaub“, sog i grantig, „aber mit halber Weisheit.“
Resi hat bloss das Glas poliert. „Vielleicht sollst amoi mit’m Fischer redn. Der war g’stern früh am Wehr. Hat was gsehn, sog er, a zweite Lichtspur. Wia zwo Signale.“
Die Runde wird leiser
I hob mi später in d’Eckbank druckt, a Spezi vor mir, kein Bier diesmal. Der Sepp hat was von Stromschwankungen geredet, von der Stadtwerke-Messstation, die g’sponnen hätt. „Wahrscheinlich a Netzausfall, Kramer“, sog er. „Du siehst Geister im WLAN.“
Aber i kenn den Klang von Angst beim Lachen. Und hinten beim Fenster, wo die Lampe schummrig schwingt, hat sich die Luft bewegt, kurz, obwohl ka Wind ganga is. Mir is heiß und kalt worn zugleich.
Dann is da Fischer reinkomma, Hut tief, Gummistiefel voller Sand. „Hab i’s richtig g’hört – der Kramer redt scho wieda vom Spiegel?“ sagt er grinsend, aber des Grinsen war flach.
„Du mit deine Signale“, sag i. „Was war denn los am Wehr?“
Er setzt si langsam her. „Die Spur, die ich g’sehn hab, war identisch, paarig, millimetergenau, aber spiegelverkehrt. Zwo Wellen, eine Echtzeit, eine Rücklauf. Sowas gibt’s normal nur beim Radar.“
Resi lacht. „Oder bei Liebesleid.“
„Nix zum Lachen,“ sag i leise. „Anna war glei zwoa Jahr fort. Wenn da irgendwas zruckkommt…“ I brech ab. I merk, wia a Kloß im Hals hängt, schwerer als der Staub vom Keller.
Der Sepp hebt nur die Hand. „Oida, versprich mir, dassd net wieda in den Keller rennst heut. Lass’s bis morgen.“
I nick, aber beide wissn, dass des nix heißt.
Am Fluss
Also bin i heut Nacht wieda runter. Der Himmel bedeckt, Luft kaum in Bewegung. Der Inn liegt still da, als hätt er g’wartet. Und wirklich: auf’m Wasser – a zweites rotes Glühen, leicht verschoben gegen das alte. Ich hol des Okular aus der Jackn und schau durch. Dahinter: Mei Haus, gell. Aber diesmal blinkt’s im Spiegel drin… nicht draußen. Und mittendrin – a Silhouette, die winkt.
„Anna?“ Mir is fast die Luft stehnblieben.
„Komm“, sagt sie. Ganz klar. Kein Echo, kein Rauschen. Direkt.
Zwischen Spiegel und Strom
Ich bin nimmer sicher g’wesen, ob i überhaupt no drauß’n steh. Der Dunst hat sich verdichtet, so, dass des Mondlicht nur a matte Fläche war, fast wie Milchglas. Aber das rote Glühen is gwandert, langsam, am Fluss entlang, bis zu der Stelle, wo früher mal die alte Fähre ang’setzt hat. Und genau da hat’s Wasser anders g’blitzt – von unten her.
I bin hingegangen, Schritt für Schritt. Des Kies hat geknirscht wie Eis. Jeder Schritt hat mir g’sagt, dass i a Depp bin – aber es hat mi trotzdem zogn.
Als i auf’m Steg starr, hebt sich’s Licht leicht: Im Wasser sieht’s aus, als würde wer drunten a Tür aufmachn. A rechteckiges Schimmern, dieselbe Proportion wie der Spiegel. Und wieder die Stimme: „Nur a Schritt.“
Ich hab fast „gleich“ g’sagt, aber nix kimmt über die Lippen. Bloß der Wind hat was zugeflüstert. Mehr g’spürt als g’hört: „Zeit … zieht zruck …“
I hab des Okular falln lassn, bin umglaufn, halb gerannt, halb getaumelt. Der Dunst hinter mir hat g’blubbert, als würd wer lachen. Und dann – Stille. Nur Stille und a leichter Geschmack von Metall in der Luft.
Weida droben aufm Hang brennt da Gasslbräu no a bissl, Fenster gelb. Und irgendwie hab i g’dacht: vielleicht war des Ganze bloß a optische Täuschung. Vielleicht.
Bloß, dass i daheim die Haustür ned mehr zusperren hab müssen. Sie war’s schon. Von innen.
Durchglas
Ich lauf heim, schwitz wie a Hund, weil i g’merkt hab, der Wind weht jetzt aus der Wand. Des Summen wird tiefer. Das Funkgerät schaltet sich von selber ein – „Knotenpunkt geöffnet“. Und des Glas im Spiegel wölbt sich nach vorn, wia a Atemzug. Dahinter des Schimmern vom Fluss, aber alles verkehrt rum. Mein zweites Ich schaut raus, hebt die Hand, und – i traums vielleicht bloß – Anna steht rechts von ihm.
Dann bricht das Licht knisternd z’samm, wia a Filmriss. Und in dem Moment schießts mir durch: Die Linie unter’m Haus … des is koa Markierung, des is a Türschwelle.
I starr drauf. Und denk: Wenn i jetzt noch a Schritt nehma – bin i vielleicht drüben.
Da Wind hat wieder g’dreht.
Die Schwelle atmet
Es war still, aber ned friedlich. Der Spiegel hat leicht gekrümmt gewirkt, als wär das Glas a Membran. Ich hab die Hand ausgestreckt, net richtig gewollt, eher so, als tät was in mir die Finger ziehen. Das Glas war warm. Nimmer kühl wie früher. Und da hinterm Flimmern, da hat sich die Bewegung verdichtet. Mei anderes Ich is näher kemma, Schritt für Schritt, synchron, aber a Hauch zu spät, a Schatten langsamer.
„Was passiert, wenn i’s ganz berühr?“ denk i. Und die Luft druckt sich zamm, so dass ma fast a Echo hört vom eigenen Denken.
„Wenn du bleibst, verlierst du’s“, sagt a Stimme, ganz leise aus’m Funkgerät.
„Was?“ frag i. „Was verlier i?“
Aber da kimmt ka Antwort. Bloß an kurzen Schlag vom Transformator oben, der durchs Haus hallt. Und draußen hebt der Wind an, von Westen diesmal.
I gang zruck, a Schritt, zwei Schritte. Die Reflexion bleibt, aber sie zittert jetzt, als hätt sie Angst. I schau auf den Boden, auf die Kreidelinie. Sie glimmt, fast unmerklich, aber rhythmisch. Wie a Puls.
Und in dem Moment begreif i, warum der Opa damals gsagt hat, dass Häuser Erinnerungen haben. Die Mauer hat g’summt – mittlerweile fühlbar, nicht bloß hörbar. I hätt schwoar’n können, sie murmelt meinen Namen im Takt vom Wind.
Nachtgedanken beim Ofen
Später hab i mich in die Küche gsetzt, Ofen leicht befeuert, aber das Knistern hat unnatürlich lang in der Luft g’hangen, fast elektrisch. I trink noch a Bier, zweite Flasche, und schau in die Glut. Des Rot vom Spiegel, des Rot vom Feuer – passts zamm, fast z’gleich. A komischer Trost.
„Anna“, murmel i. „Wenn du wirklich… wenn des du bist, wie komm i nüber ohne zu verschwindn?“ Keine Antwort, net amal der Wind. Bloß im Ascheschacht a leichtes Flirrn, als hätt das Feuer den gleichen Rhythmus wia die Kreidelinie.
I leg mi schließlich auf die Bank, kann net schlafen. Der Wind fährt durchs Kaminrohr, jault leicht. Und da, kurz vor’m Dämmern, seh i’s: a Schatten, kurz, vom Spiegel bis in d’Küche, wia a Streifen aus Glas. Er verschwindt aber wieder. Grad so, dass i’s gmerkt hab.
„Wenn’s so weitergeht“, denk i, „muss i irgendwann geh’n, bevor mi des Haus frisst.“
Der Gedanke lässt mi grinsen, bitter. „G’scheiter Grantler“, sog i zua mir selber, „du weißt ja eh, dass du gehst.“
Die Rückluft
Am nächsten Tag war alles still, zu still. Der Wind hat g’rast über die Dächer, aber rund ums Haus – nichts. Kein Rascheln, kein Schwanken vom Birnbaum. Bloß a seltsamer Kreis stiller Luft. Ich hab mi rausgstellt, Zigarette anzündt. Der Rauch is kerzengerad nauf. Kein Luftzug. Nur die Ferne, wo’s Windrad hin- und herwippt, a stumme Mühle gegen nix.
I bin nauf in den Speicher, wollt Fenster aufmachen, dass wenigstens da durchzieht. Da droben, zwischen die Balken, war Staub ohne Staub, so, wie Luft ausschaut, wenn Licht sich selber spiegelt. Und in der Mitte – was Glänzends. A zweite Plättl. Selbiges Zeichen: 7B. Nur kleiner, und rückseitig – eingraviert: „Korrespondenz aktiv“.
Ich bin richtig grantig worn. „Na also, was soll des G’spui?!“ schrei i. Und da, fast sogleich, summt’s im Funkgerät drunten, obwohl’s ausgeschalten war. „Rückpfad… offengehalten… zweiter Zugriff.“
Ich steig runter, heb das Plättl, leg’s neben des erste. Ein Moment: Funk still. Spiegel grauf. Dann: plötzlicher Lichtstoß, ganz kurz. Und da hat i sie gsehn. Anna. Ganz deutlich diesmal. Hinter ihr mein anderes Ich, als wär’s ihr Schatten.
„Warum?“ frag i. „Warum i?“
Sie hebt bloß die Hand, und auf ihren Lippen – i hab’s nur gedeutet, ned ghört – „Weil du schon warst.“
Da Wind springt in dem Moment um, ein Knall am Schornstein, der Vogel draußen flattert auf. Der Spiegel wird klar. Und hinter all dem Licht seh i kurz den Fluss, aber er fließt rückwärts.
Ich trink an tiefen Schluck Luft. Sie schmeckt alt.
Entscheidungsspuren
Ich hock mi auf’n Boden, neben die Werkbank. Die Luft is schwer, aber ruhig. Des Funkgerät flackert. „Schwellspannung – kritisch… Rückführung aktiv…“
I denk, wenn des stimmt, dann is i drüben oder doppelt oder beides. Vielleicht is des hier schon die Rückseite. Woran erkenn i’s dann noch?
„Wenn i jetzt steh auf und geh – bleib i hier oder geh i?“ I red laut, weil die Stille sonst zu dicht war.
Aufm Tisch tropft vom Wasserhahn a Rhythmus. Tick – tock – tick – pause. Grad so, als machter Antwortübungen.
I fang o zum Lachen an. „Ha! Jetzt fang i scho o, Signale zu interpretiern wia der Sepp seine Wetterkarten.“ Aber mitten im Lachen zieht’s mir kalt übern Nacken, vom Keller aufwärts, durch die Dielen. Der Wind unter dem Haus. Der, der durchs Holz summt wie Strom.
„Na gut“, sag i, aufstehend. „Wennst a Tür bist, Spiegel, dann is Zeit, dass ma uns begrüßen.“
Ich geh drauf zua, langsam. Der Rahmen glimmt, die Luft brummt. Da Dunst im Glas verzieht sich, zeigt kurz was – den Fluss, die Stadt, den Himmel, alles steht schief.
„Ein Schritt“, sagt wieder die Stimme, ganz sacht. Und i mach einen.
Da Wind steht schief, sag ich mir no im Kopf. Und diesmal zieht er rückwärts.
Bissl grantig, a bisserl sexy – deine Wochenration onlyLeberkas direkt ins Postfach.