Am Fluss
Der Himmel schaut aus wie Beton – kein Regen, aber so schwer, dass ma glaubt, er druckt einem gleich auf’n Schädel. Ich steh am Ufer, schau rüber zum Pumpenhäusl. Das rote Licht is aus. Ruhig. Zu ruhig, fei. Nur der Wind geht überm Wasser, so ein laues Gebläse, das nach Öl und Algen schmeckt.
Ich hör mei’ Oma noch: „Wenn’s z’ruh is, Kramer, dann rührt sich was unter dir.“ – Sie hat recht g’habt, wie immer. Ich spür’s unterm Boden vibrieren, wie a ferne Maschine. Vier–eins–drei. Genau der Takt, den das Licht g’habt hat. Mei Herz macht unabsichtlich mit.
„Na servas“, murmel ich, „jetzt tanz i schon nach’m Fluss.“ Ich geh rüber, Schritt für Schritt, weil der Holzsteg knarzt unter de Schuh’.
Die alten Zeichen am Geländer
Kurz bevor i beim Häusl bin, bleib ich am Geländer stehen. Zwischen zwei rostigen Streben is was eingeritzt – alt, fast ausgewaschen: drei Kreise, ineinander verschachtelt, und ein Pfeil nach unten. Ich glaub, das war früher nur a Schmiererei, aber jetzt schimmert’s leicht, als hätt einer mit Phosphorfarbe drüberfahren. Ich tipp mit’m Zeigefinger drauf. Kalt und glatt, aber das Metall darunter zittert leicht.
„Anna hat’s g’sehn g’habt“, murmel ich. „Die Kreise warn unser Anfang.“ – Damals in der Werkstatt, als sie erklärt hat, wie jeder Kreis a Schwingung is, wie Schall, nur anders. Ich hab nix verstanden, aber g’lächelt hab i, weil sie so g’brennt hat. Na ja. Der Kreis lebt wieder.
Ich hör das dumpfe Pochen im Fluss stärker. Vielleicht is’s nur die Pumpstation, aber mei G’fühl sagt was anderes. Da is a Rhythmus drin, so g’schmeidig wie Atem, nur tiefer. Und i bleib trotzdem stehen, statt umzukehren. I glaub, der Betonhimmel lacht grad über mich.
Unten drunter
Hinten beim Pumpenhäusl is a Metallluke, halb zugewachsen. Ich hab sie no nie offen g’sehn, aber heut spür ich a warmen Luftzug drauß kommen. Wenn i mich bück, seh i a schwaches Glimmen, bläulich. Wie a Fernseher in der Nacht. Genau das, wovon Anna gredt hat – „unter uns“.
Ich leg Schloss 36C auf die Luke. Das Ding summt, a zarter Ton, fast freundlich. Dann – klick. Ein Entriegeln, leise, aber spürbar. A Kälte läuft mir in die Finger. Ich heb an Deckel, und… unterm Pumpenhäusl geht a Treppensturz nach unten. Beton, feucht, alt. Riecht nach Filmbänder und Fluss.
„Raum fünf?“, sag i halblaut. Und irgendwo drin – da klirrt was. Metall auf Stein. Kein Echo, nur a dumpfer Schlag. Ich steig runter.
Stimmen aus dem Abgang
Mit jedem Schritt wird die Luft dichter. Ich hör a Summen, als würd irgendwo Strom rinnen, aber kein normales Brummen. Eher wie Flüstern durch Metallschichten. Dreimal glaub ich, meinen Namen g’heert zu haben – leise, verschmiert. Vielleicht nur Wind durch die Rohre. Und trotzdem sag i „Ja?“ – fast automatisch.
An der Wand kleben alte Schaltpläne, vergilbt, halb zerrissen. Einer is überschrieben mit „Kontrollgruppe Leitner“. Daneben Notizen: Zahlenreihen, 36A bis E. Ich fahr drüber, mitm Finger, fühl den Abdruck von Graphit. Leitner – das war Anna’s Lehrer an der Akademie. Jetzt ergibt das Puzzle langsam Form, aber immer noch ohne Kanten.
Ich lehn mich gegen die Wand, hör wieder das Stampfen vom Fluss, diesmal gedämpft wie durch Fleisch. Kurz denk i, wenn i jetzt umkipp, dann verschluckt mich das Ding einfach. Doch i geh weiter. Do unten riecht’s nach gestrigen Träumen.
Raum fünf, vielleicht
Das Licht da unten is komisch. Kein Schalter, nix. Es leuchtet einfach – wie wenn die Luft selber Licht macht. An der Wand: Hunderte feine Glaslinsen. Manche beweg’n sich minimal, wia Schwammerl im Wind. In der Mitte steht a hölzerner Tisch mit a Gerät drauf. Sieht aus wie a zusammengeschraubter Projektor, nur ohne Film. Drauf steht eingraviert: „A. Leitner – Versuch 5“.
Also doch. Raum fünf. Nicht bloß a Red’. Mir schießt der Gedanke: Vielleicht hat der Alte da seine Experimente runter g’macht. Übertragung, Reflexion, dieser ganze Schmarrn. Nur dass i mittendrin steh.
„Anna?“ – Die Luft zieht sich zusammen, das Rauschen vom Wind draußen klingt plötzlich dumpf. Dann erscheint sie. Nicht ganz – eher a Spiegelbild auf der Wand, aber mit Tiefe, fei. „Du bist da“, sagt sie, aber der Mund bewegt sich net. Nur die Stimme schwingt im Raum, wie aus’m alten Röhrenradio.
„Was is das hier?“, frag i.
Sie schaut mich an – oder das, was von ihr bleibt. „Der Übergang braucht dich.“
Typisch, denk i. Statt Antwort gleich wieder Rätsel. I tret näher, spür den Boden leicht federn.
Das Nachglühen
Als i die Hand über das Gerät halt, glimmt unter der Platte eine zweite Inschrift auf: „In Resonanz entsteht Form.“ Ich sag vor mich hin: „Das hat sie a hundertmal g’sagt.“ Und plötzlich weiß ich wieder, wie sie da g’sessen is, spät nachts in ihrem Atelier, der ganze Tisch voll Linsen und Kästchen. „Wir machen aus Licht Sprache“, hat sie gesagt. Ich hab gelacht und a Bier geholt. Jetzt will ich nur wissen, wo sie hin is.
Ich greif nach der Projektion, aber meine Finger gehen durch – und doch nicht ganz. Da is Widerstand, wie bei Wasser, das sich weigert, auseinanderzugehen. Sie blinzelt – nein, flackert. „Nicht drucken, Kramer“, flüstert’s, „du änderst sonst die Phase.“ Ich zuck zurück. „Welche Phase?“ – „Die, in der du noch allein bist.“
Mir läuft’s kalt den Rücken runter. Ich würd am liebsten schreien, aber es kommt nur ein heiseres „Was hast’n g’macht, Anna?“ Sie hebt den Kopf, und i schwör, sie lächelt traurig. „Es is alles gespeichert. Nur die Richtung fehlt.“ Und wie sie das sagt, fällt irgendwo hinten was um – Metall auf Beton, exakt im Takt vom Fluss.
Ich will was sagen, aber da summt plötzlich das Funkgerät.
Der Pförtner funkt
Das Funkgerät vom Pumpenhäusl rauscht los. Ich hab doch nix eingeschaltet! „Kramer?“ – die Stimme vom Pförtner. Müde, brüchig. „Das System läuft wieder. Nichts anfassen, hören’S? Nicht—“ Dann knackt’s, und a Fremder red rein. Tiefer, kalter Bass: „Raum fünf ist geöffnet.“
Ich schätze, der Pförtner wollt mich warnen. Zu spät. Anna’s Spiegelbild schaut kurz weg, als würd’s wem andren zusehen.
Dann glei wieder Stille.
Ich tipp ans Gerät: „Wer spricht da?“ Nur Rückkopplung. A Pfeifen, das sich steigert – wie Wind zwischen zwei Blechen. Ich spür, wie mir die Haare am Nacken stehen. Dann fällt auf’m Tisch a winziges Teil um – sowas wie a Linse. Gravur drauf: 36D.
Der Schatten in der Ecke
Im linken Eck flackert’s kurz, so dünn wie Rauch, und aus dem Schimmer formt sich was – keine Figur, eher ein Abdruck von Bewegung. Es schaut aus, als würd jemand grad wo durchgehen, aber er bleibt stecken. Ich hör ein dumpfes Geräusch, halb Atmen, halb Rauschen. „Kramer“, säuselt es, „nicht du. Die andere.“ – Ich bekomm Gänsehaut bis zur Nasenspitze. „Welche andere?“ Keine Antwort. Nur das Funkgerät blitzt kurz auf, zeigt Werte, die sich überschlagen. Ich greif die Linse, steck sie ein, und als ich mich umdreh, is das Flackern weg. Aber an der Wand, wo vorher leer war, steht jetzt mit Ruß geschrieben: 36D akzeptiert.
Ich hab keine Lust, herauszufinden, was das bedeutet. Also rauf.
Rückweg – vorerst
Ich nehm die Linse. Warm. Als hätt wer sie grad angefasst. Draußen drückt sich der Wind stärker, wia wenn er mich wieder rauftreiben will. Die Luke hat sich fast zugeschoben, wie von selber. Ich zwäng mich durch, hol tief Luft. Die Stadt riecht nach Eisen und nassem Holz. Und plötzlich, im Fluss – dort, wo’s Licht war – schimmert’s wieder, diesmal violett. Kurz, aber deutlich.
„Vier–eins–drei“, murmel ich. „Oder is des jetzt scho vier–zwo?“ Keine Ahnung.
Da ruft jemand von weitem, kaum hörbar: „Kramer! Weg da!“ – Ich kenn die Stimme net. Sie kommt vom andern Ufer.
Ich bleib stehen, leicht gebückt, Schloss 36C in der Faust, Linse 36D in der andern. Wind, Wasser, keine Bewegung sonst. Nur dieses verfluchte Zittern im Boden.
Wenn der Pförtner recht g’habt hat, dann läuft jetzt was, des nimmer aufhört…
Nachklang im Nebel
Ich bleib noch a Weile einfach so stehen, der Himmel tiefer als zuvor. Aus dem Westen kriecht Nebel über die Brücke, legt sich auf die Laternen wie Haut. Ein Hund bellt irgendwo, dann Stille. Ich denk an Anna, an den Spruch auf der Platte: „In Resonanz entsteht Form.“ Vielleicht is des der Schlüssel. Vielleicht auch nur ihr letzter Scherz.
Die Linse in meiner Hand vibriert leicht, fast unmerklich. Wenn ich sie gegen den Himmel halt, bricht sich das Grau darin zu einem Ring aus Grün und Blau, wie ein Auge, das mich anschaut. „Naa, Kramer“, sag i zu mir selbst, „du fangst scho zum Spinnen an.“ Der Wind gibt mir keine Antwort – bloß dieses leise tiefere Dröhnen, vier mal kurz, einmal lang. Und dann hör ich – oder glaub es zumindest – Annas Stimme im Nebel: „Noch ein Kreis, dann bist du da.“
Ich stell mir vor, wie unter mir, tief unten im Beton, die Geräte wieder summen. Leitners Versuch 5 läuft weiter, ganz von selbst. Vielleicht gehört das Zittern längst uns beiden. Vielleicht is der Fluss selbst nur noch a Spiegel.
Ein fremdes Licht am Rand
An der Biegung flackert etwas, so schwach, dass es wie Einbildung wirkt. Doch dann wieder – drei Pulse, exakt synchron mit der Linse in meiner Hand. Ich geh näher, Schritt für Schritt, der Steg unter mir klatscht feucht. Drüben steht jemand. Oder etwas. Kein Gesicht zu erkennen, nur Umriss, hell umrandet vom Dunst. Das Ding hebt den Arm, so langsam, als wär jede Bewegung gegen die Luft. Dann senkt’s ihn wieder und verschwindet.
Ich sollte wegrennen. Stattdessen bleib ich dort, atme in den Nebel, der mir auf die Lippen zieht wie Metall. „Na gut“, sag i leise, „dann spielen ma halt weiter.“
Die Linse glimmt einmal auf – so sanft, dass es fast zärtlich wirkt – und geht aus.
Dann, irgendwo hinterm Pumpenhäusl, hebts das Rauschen wieder an.
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