Heißer Dunst über’m Wasser
Passau schwitzt. Dreißig Grad, der Inn dampft wie a alter Hund, der nimmer mag. I geh entlang am Geländer, das Metall fast zu heiß zum Angreifen. Der Himmel hängt grau und flach über der Stadt – so ein Wetter, wo sogar die Tauben grantig schaun. In mir drin vibriert noch das Summen vom Keller… und mei Funkgerät in der Jackentasch brummt leicht, wie a Schnauferl aus der Tiefe.
Da redet kei Mensch. Nur das Wasser, das ruckelt gegen die Steine. Und irgendwo in der Luft – leise, oida, ganz leise – läuft wieder das drei–zwo. Anna hat g’sagt, nix Lebendes mitnehmen. Mei, i hab eh nix. Nur die Angst.
Ein roter Schimmer zieht über die Wasserhaut, ganz kurz. Wie wenn da unten wer mit’m Feuerzeug winkt.
I bleib steh, schau in die Luft, als könnt ma da drin was lesen. Der Dunst über’m Wasser zieht Fäden, spiralig. So, als würd wer mit’m Finger Muster in die Hitze malen. Und es riecht plötzlich nach Eisen, nach Regen, obwohl koa Tropfen fällt. Ich reiß den Reißverschluss von der Jackn auf, schwitzend, und gleichzeitig friert’s mi innerlich. Der Summton im Funkgerät verändert sich, wird tiefer, fast melodisch. I halt’s an mei Ohr. „Empfang – minus drei“, flüstert’s, aber des kann ned sein. I schau nach links, dort wo der Dom drübn thront, doch i erkenn im Dunst kaum die Türme. Alles verschwimmt.
„Minus drei,“ murmel i. „Des is fei a komischi Maß.“
Dann, wie aus’m Nichts, rührt sich der Asphalt unterm Fuß a bissl – keine Erschütterung, eher so a Spürn, dass da was lebt da drin. I tret ab. Und plötzlich zieht der Dunst zusammen, als hätt wer die Luft umg’schaltet. Ganz im Hintergrund hör i a Motorboot – oder doch a Herzschlag? Schwer zu sagn.
I bleib no a weil stehn, schau dem Wasser zu, wie’s dampft und sich bewegt, und in mir wackelt die Erinnerung unanständig: des, was im Keller passiert is, is net vorbei. Da is was, das mich kennt. Und vielleicht hat’s mich damals schon markiert.
Ein Windstoß fährt über die Brücke, staubig und heiß. I geh weiter, bis zum Schatten vom Pumpenhäusl.
Beim Pumpenhäusl
I steig über die alte Rampe runter. Beton, rissig, a bissl glitschig. Die Hitze steht in der Luft, riecht nach Metall und Algen. Das Pumpenhäusl da vorn – finster, aber offen. I hör drinnen ein kurzes Aufzucken, wie Strom, der zuckt, dann still bleibt.
„Leitner?“ sag i halblaut. Mei Stimme klingt hohl. Und tatsächlich: aus’m Funkgerät kommt a Brummen. Dann a Satz, trocken, klarer als sonst: „Rückpfad – geöffnet.“
„Was Rückpfad, oida?“
Dann nix mehr. Nur wieder des Brummen. I steig rein, langsam. Wandfliesen grau, paar Kabel runter, der Spiegel – ja, der gleiche Rahmen wia daheim –, hängt da, leicht schief, wie a zweite Tür. Unterm Spiegel liegt a Blechteil mit Kratzspuren: 7A. Vorrichtung. Des passt fei nimmer zu irgendwas, was i bisher g’hört hab.
I heb’s auf – und spür wieder den kalten Stich durch’n Arm, wia Strom direkt ins Herz.
I beiß mir auf die Lippen. Der Geschmack nach Metall bleibt, lang. Ein Tropfen Blut fällt, klein, direkt auf die Kante von der Blechtafel, zieht runter wie a rote Linie. Da drin spiegelt sich kurz mein Gesicht – aber ned ganz meins. Der Kopf leicht schief, der Blick zu ruhig. I zuck zruck.
Draußen tropft irgendwas von der Brücke, schneller jetzt. Aber der Himmel is trocken. I spür, wie sich meine Finger verkrampfen um des Teil. I hör plötzlich ganz entfernt, aus’m dunkeln Eck vom Pumpenhäusl, a Kinderstimme: „Sieben zieht, gell?“ Und dann Stille.
I bleib wie angewurzelt. Die Wände scheinen zu atmen. Es is so heiß, dass der Putz sich wellt. I geh weiter rein, Schritt für Schritt. Da is a verrostete Tür mit a rundem Fenster drin, grad dass i was durchseh. Dahinter: Wasser. Aber net normal. Es läuft senkrecht nach oben, wie a dünner Strahl, als hätt wer die Gravitation umg’kehrt.
„Rückpfad,“ murmel i. „Wenn des a Weg is, dann hoff i, i find den Einstieg wieder.“
I greif kurz an den Rahmen vom Spiegel – a Vibration zieht bis in die Zähn. Da redet was in feinem Rauschen, so als würd wer flüstern unterm Beton.
„Kramer,“ sagt’s. Klar und tief, fast zärtlich. „Zeit verschwindet net. Sie faltet bloß.“
Der Satz bleibt hängen. I spür kurz so a Ziehn im Rücken, als tät mi wer leicht nach hinten zupfen. Und da weiß i: i soll gehn. Jetzt gleich. I dreh mich um, taumle fast in die Sonne hinaus. Hinter mir fällt irgendwas, metallisch, scheppernd. I dreh mi ned um.
Der Schritt durchs Flirren
Draußen hats inzwischen a eigenartige Helligkeit. Ned grell, aber gleissend. So, als würd die Luft schmelzn. I bleib auf halbem Weg stehen und schau noch amal zruck: des Pumpenhäusl wirkt kleiner, gedrungener, wie in a Spiegel verzerrt. I atme tief ein, schnapp nach Luft, und dann hör i – ganz eindeutig – die Klangfolge drei–zwo, dreimal hintereinander. I kenn sie. Des is der Impuls vom Gerät, damals, beim Versuch mit der Anna. A unruhiges Gefühl steigt hoch.
I setz mi auf a Steinbrocken, zünd mir a Zigarette an, aber der Rauch zieht ned gerade, sondern wabbelt kreisförmig weg, immer wieder zruck um mei Kopf. I rechne kurz im Kopf: Brenndauer, Windrichtung. Nix passt. Die Welt is heut einfach falsch eingstellt.
Langsam steh i wieder auf, schieb des Funkgerät tiefer in die Tasche. Und i weiß, i muss weiter – zum Gasslbräu, zur Resi. Irgendwer muss’s hören.
Wirtshausg’schichtn
Abends bin i beim Gasslbräu. Resi wischt a Glas, schaut nimma direkt her. „Du schaust aus, Kramer, als hätt dich da Wind selber ausg’saugt.“
„War heiß.“ – „Jo, aber wos anderes dampft da in dei Augn.“
„I hab wos gfundn,“ sag i. „Blech mit ’ner Sieben drauf.“
Sepp hebt den Kopf vom Bier. „Sieben? Na, des is fei z’vü. Der Fischer hat gsagt, fünf kehrt’s um. Sechs war offen. Sieben … da gibt’s koan Weg mehr z’rück.“
Mir bleibts kurz im Hals steckn. „Vielleicht is des der Rückpfad, den der Leitner meint.“
Resi legt das Tuch weg. „Dann pass auf, Kramer. Die Rückwege in dera G’schicht san immer nur für de, die scho drüben warn.“
Der Satz hängt in der Luft – und i schwör, durchs offene Fenster hört ma des Summen. Ganz fern, aber es is da.
I lehn mi zruck an die Wand, der Schweiß is no ned ganz trocknet. Die Leut redn rundum, trinken, lachen, aber irgendwie sind alle dumpfer als sonst, wie unter Glas. Sepp hockt jetzt ganz still, der Blick in sei Bierkrug, als könnt er da was erkennen. I folg dem Blick und sieh am Grund tatsächlich kurz was rot Schimmerndes – a Reflex, der net herpasst. I stoß leicht an: „Sepp, geht’s dir gut?“
Er hebt a Hand. „Wenn’s ruft, Kramer, dann geh ned glei. Hör erst, was’s sogn will.“
„Wos redst? Wos soll da rufn?“
„Des, was zwischen de Schichten hängt. Du weißt eh, die Leit über’m Inn san net nur de, die Lebn.” Er lacht, aber ohne Gaudi.
Resi stellt a Halbe hin, die Schaumkrone zittert leicht, obwohl koa Wind geht. „Wenn a Kellertür aufgeht von selber,“ sagt sie dann, ganz trocken, „dann geht irgendwo a andere zua. Frag amoi, welche.“
I will kontern, aber draußen kracht a Donner, obwohl der Himmel no immer wolkenlos is. Die Leut schauen kurz zum Fenster, dann lachen sie wieder, gezwungen. Aber mir bleibt der Ton im Ohr, dumpf, als wär’s von unterm Boden kommen.
I steig später raus, durch die Seitentür. Die Gasse is leer, die Luft hängt schwer. Das Summen vom Funkgerät hat sich verändert, klingt jetzt fast wie Stimmen, vielstimmig, fremd. I bleib stehn, lehn mi an die Mauer, und sag halblaut: „Leitner, wo bist’n du jetz?“
A Flackern geht durch die Scheiben vom Lokal, rot für an Moment. Und dann, ausm Off, dieselbe Kinderstimme wie beim Pumpenhäusl: „Sieben zieht.“ I dreh mich, doch da is koa Mensch. Bloß der Dunst, der von der Donau rüberzieht.
I geh heim.
Dahoam im Keller
Die Nacht. Draußen warme Luft, fast 30 Grad, und trotzdem läuft mir a Schauer über’n Buckel. I steig wieder runter – i kann net anders.
Der Spiegel glüht net mehr, aber i seh im silbrigen Schimmer mein zweites Ich – diesmal ohne roten Schal. Nur a kalter Blick, fast traurig. Hinter ihm, glaub i, läuft das Wasser rückwärts. Und dann hör i die Stimme: „Raum sechs stabilisiert. Sieben zieht.“
„Leitner!“ ruf i. „Wos zieht?“
Kei Antwort, nur a dumpfes Dröhnen, wie von tief unter’m Wehr. Mein Kellerboden bebt leicht, der Staub tänzelt.
Da hebt sich die Blechtür an der Seitenwand – allein, ganz langsam. Dahinter: Finsternis, aber diesmal mit ’ner Spur Licht drin. A roter Schimmer, wie durchs Blut gesehn.
I halt das Blech mit der Gravur „7A“ in der Hand, es wird heiß. Und dann flüstert was, ganz nah am Ohr – „Komm endlich, Kramer.“
Mir bleibt nix andres, als kurz fei einzuatmen. Mei Herz klopft gehörig.
Dann tritt i einen Schritt weiter rein, dorthin, wo’s Licht atmet. Und hinter mir fällt die Kellertür zu – von selber, leise, wie a Atemzug.
Knacken im Dunkeln
Die Luft dahinter is schwer, metallisch. I hoff, i träum des grad, aber alles fühlt sich echter an als vorher. I spür, wie sich meine Haut aufstellt, Schweiß kühlt sofort. Der rote Schimmer kommt aus’m Boden selbst, flüssig wie Lava, aber kalt. I bück mi, halt die Hand knapp drüber – kein Brennen, aber des Summen verstärkt sich sofort.
„Leitner,“ sag i noch einmal, leiser. Da regt sich was in der Finsternis. A Schatten, flach, bewegt sich entlang der Wand, bleibt in der Ecke stehn. Dann tritt er raus – nein, net er, i selber. Oder a Teil von mir. Gleiche Bewegungen, nur ein minimaler Versatz. Wenn i atm, atmet er Zeit versetzt, grad so, als wär’s a Echo.
„Des is narrisch,“ murmel i. Aber die andere Gestalt lächelt. „Narrisch hilft nix, Kramer. Die Tür war offen.“
„Wos bist’n du?“
„Bloß des, was zruckbleibt, wenn ma z’oft durchschaut.“
Meine Knie zittern. Ich will mich umdrehn, find aber keinen Griff mehr – hinter mir is keine Tür. Nur Wand, glatt, warm.
Der Boden vibriert wieder, stärker. Irgendwo tropft Wasser, rhythmisch. Vielleicht is’s nimmer Tropfen, sondern Zeit.
A kalter Wind fährt durch den Raum, aber da is nix, was Wind machen könnt. Das andere Ich tritt näher. „Geh in die Sieben,“ sagt’s sanft, beinahe mitleidig. „Sonst geht sie in di.“
Langsam nick i. Die Hand mit der Blechtafel brennt inzwischen. I dreh sie um – hinten drauf, eingraviert: Inversphase. Wos des heißt, i versteh’s erst nach Sekunden. Dann fällt’s mi: Leitners Experiment, des mit’m Feld hinterm Rückkoppler. Er hat gmeint, dass jeder Übergang a Gegenbewegung braucht. Vielleicht is des genau des.
I setz mich nieder, atme tief. „Wenn’s soweit is, krieg i a Zeichen. Stimmts?“ frag i halblaut.
Da flackerts kurz, wie a Blitz, direkt durch den Spiegel, und i hör – ganz leise – Anna. Ihre Stimme, nur a Hauch: „Die Tür bleibt nur eine Weile freundlich.“
I fang an zu lachen, aber ohne Grund. Vielleicht weil i sonst schreien würd. Und dann…
Zwischen Flimmern und Fall
Der Raum zieht sich zusammen, wie Gummi. I spür, wie sich Luft zu dichten Strängen formt, alles röter wird. Dann – ein Rucken. I steh nimma auf’m Kellerboden, sondern knie in irgendwas Nebligem, Weichem, rot-grauenhaft. Über mir schwebt der Spiegelrahmen, aber ohne Glas. Kunststoff-artig, pulsierend, wie a Herz.
I tast in die Jackn – das Funkgerät summt weiter. „Minus zwei,“ raunt’s. Und dann a zweite Stimme, fremd, aber doch vertraut: „Rückpfad noch offen. Entscheide.“
„Wos soll i entscheiden?“ ruf i raus, oder was i dafür halt. Die Luft trägt nix, sie saugt eher.
Da steh plötzlich a Kind vor mir, barfuß, mit einem rostigen Spielzeugauto in der Hand. Es schaut mi an, sagt: „Du bist schon zweimal gangen, Kramer. Diesmal bleibst.“ Und lächelt.
I will was erwidern, aber der Mund macht keinen Laut. Nur des Summen redt weiter: dreimal drei–zwo. Und i weiß plötzlich – des is der Rhythmus vom Herzschlag vom Inn. Des Wasser selbst klopft so.
Langsam zieht das Kind zruck, verblasst ins rote Dunstlicht. Der Spiegelrahmen wackelt, kippt, fällt fast um. I spring auf, greif dorthin – heiß, aber greifbar – und halt des Teil vor die Brust. Gedankenblitze: Anna, der Versuch, die Finger vom Leitner am Parallelschirm. Und dann a letzter Blick in des, was vorher Keller war: a blasses Flimmern, das nach Hause aussieht.
„Anna,“ sag i. „Wennst mi hörst, i probier’s nochmal.“
Das Funkgerät antwortet mit a einzelne Knacksen, dann Stille. Kein Summen. Nur eigenes Blut im Ohr.
I tret durch den Rahmen.
Für a Sekunde glaub i, i seh des Haus von außen. Mein Fenster offen. Da schreit wer – vielleicht i selber. Dann frisst mi des Licht.
Die Welt reißt. Dann Dunkel.
…
Wie lang i fort bin, weiß i ned. Vielleicht Minuten, vielleicht Äonen. Aber i wach auf am Boden von meim Keller, kalt, der Spiegel wieder normal. Bloß der Geruch – Metall, Wind, Algen, alles gleichzeitig. I steh langsam auf, wisch mir übers Gsicht. Kein Blut, nix. Nur Schweiß.
An der Wand a Schatten, zitternd. I red halblaut: „Leitner? Des war’s, oder?“
Und irgendwo hinter der Wand antwortet a Echo, dumpf, vibrierend: „Noch net ganz.“
I seufz. Setz mich auf die Stufn, zünd mir no a Zigarette an. Draußen grummelt wieder Donner, diesmal echt. Regen fällt, endlich. Aber der Geruch vom warmen Asphalt und nassem Metall mischt sich, wird süßlich.
Da fällt des Funkgerät aus der Tasche, schlägt auf, funkt kurz auf. Aufm Mini-Display steht kurz in rot: 7A – aktiviert. Dann flackerts aus.
I starr drauf, spür mein Herz. „Oiso doch,“ murmel i.
Ein Tropfen Wasser fällt mir in den Nacken – von oben? Der Putz über mir rinnt. I heb den Kopf – durch a kleine Ritze in der Decke schimmert rotes Licht. Ganz leise, fast freundlich.
Dann, eh i was tu kann, schnellt die Blechtür erneut auf. Frisch, lautlos.
Und von drüben her ruft die Stimme: „Komm endlich, Kramer.“
Diesmal zögert i. Nur a Sekunde. Aber i zögere.
Die Luft flackert.
Dann – Stille.
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